Einige Tage vor der Familienrats-Sitzung im November 2014 erhielt ich einen Anruf von meinem Sohn Peter Bernbeck; Otto-Georg Richter (F 9433), unser Webmaster in Amerika, habe ihm gemailt, da habe ein Herr Hallstein ein Ölgemälde aufgefunden, das Johann Philipp Bernbeck darstelle, den Großvater unseres Stammvaters Johann Daniel Bernbeck. Bevor der Entdecker das Bildnis in den Antiquitätenhandel bringe, wolle er es der Familie Bernbeck zum Kauf anbieten. Es befinde sich jetzt in Pfungstadt. Und Peter gab mir Adresse und Telefonnummer des Herrn Hallstein. Vielleicht könnte ich mir das Gemälde mal ansehen.

 

Pfungstadt liegt praktisch in meiner Nachbarschaft, kein Problem, da mal hinzufahren. Ich rief also Herrn Hallstein an, und er bestätigte, was er schon Otto-Georg mitgeteilt hatte: das Bild stelle gemäß der Inschrift auf der Rückseite einen Vorfahren der Familie Bernbeck dar. Er selbst treibe Ahnenforschung in seiner eigenen Familie und sei dabei auf das fremde Porträt gestoßen. Er wolle es gern der Familie Bernbeck reservieren. Ob ich eine email-Adresse hätte? Nein? Dann könne er mir halt kein Foto schicken. Aber ich konnte einen Besuch bei ihm verabreden, schon am übernächsten Nachmittag war er zu erreichen.

 

 

Ergänzungen zu der Artikelserie „Die Familie Bernbeck im Ersten Weltkrieg“

Im Juli 2014 erschien der erste Teil meines Überblicks über die Familie Bernbeck im Ersten Weltkrieg. Kurze Zeit danach klingelte bei mir das Telefon. Es meldete sich eine Gertrud Geipel aus Friedberg – der Name war mir unbekannt – und stellte sich als Tochter von Ludwig Wahl (A 226) vor. Da war ich schnell im Bilde: Ludwig Wahl hatte doch zwischen 1916 und 1918 mehrere hochinteressante Berichte an das Familienblatt geliefert, auf die ich auch in meinem Überblick zu-rückgegriffen hatte. Gertrud Geipel (A 2262) wies mich darauf hin, dass ihr Vater 1916 die Skagerrak-Schlacht miterlebt und einen Brief darüber geschrieben hatte. Einen Brief? Ich kannte seinen knappen Hinweis im Familienblatt, er dürfe keine militärischen Geheimnisse verraten: „Von meinen letzten Erlebnissen bei der Seeschlacht will und kann ich natürlich nicht reden.“ Ein Brief war vielleicht weniger vorsichtig und konnte nähere Einzelheiten versprechen. Mein Interesse war geweckt, zumal da Gertrud noch weitere aufregende Kriegser-lebnisse ihres Vaters andeutete. Sie habe die Unterlagen gesammelt und wolle mir gern Einblick geben. Ich stellte ihr einen Besuch in Friedberg in Aussicht, bat sie aber fürs erste, den zweiten Teil des Überblicks im Familienblatt abzuwarten. Ich hatte zunächst selbst nicht mehr vor Augen, in welchen Teilen ihr Vater zu Wort gekommen war, was Gertrud also schon gelesen hatte und was noch folgen würde.
   Nach einigen Verzögerungen machte ich mich auf den Weg nach Friedberg. Gertrud empfing mich mit großer Herzlichkeit, zeigte mir die vielen Familienbilder an den Wänden ihrer geräumigen Altbau-wohnung (dabei konnte ich ihren Vater wiedererkennen, wie ich ihn auf den Familientagen in den 50er Jahren gesehen hatte) und holte einen Aktenordner herbei, in dem sie Briefe, Fotos und Zeitungsbe-richte gesammelt und liebevoll in Folien geordnet hatte, um ihren Vater „seinen Enkeln und Urenkeln lebendig zu erhalten“. Eine Fülle von Material! Ich nahm mir vor, es genauer anzusehen, und Gertrud über-ließ mir bereitwillig den prall gefüllten Ordner zu näherem Studium. Ob der Stoff vielleicht auch die Leser des Familienblatts interessieren könnte? Ich bat Gertrud um Geduld, die Durchsicht der Papiere würde einige Zeit in Anspruch nehmen.


   Ich merkte schnell, dass Ludwig Wahl eine außerordentliche Per-sönlichkeit war, und ich bedauere, dass ich das nicht noch zu seinen Lebzeiten erkannt hatte. Auf den Familientagen trat er immer ganz unauffällig und bescheiden auf, ich bemerkte erst sehr spät an der Ähnlichkeit, dass er ein jüngerer Bruder von Wilhelm Wahl (A 222) war, der damals die Familientage leitete. „Er wollte ihm nicht die Show stehlen,“ meinte Gertrud. Dass er ein besonderer Mensch gewesen sein musste, war schon daran erkennbar, mit welchem Stolz, mit wel-cher Dankbarkeit und mit welcher Liebe seine Tochter, eben Gertrud Geipel, inzwischen selbst eine hochbetagte, aber höchst lebendige Dame, von ihm sprach.
   Ludwig Wahl nahm also 1916 an der Skagerrak-Schlacht teil. Er war damals 20 Jahre alt und Bootsmannsmaat auf dem Linienschiff „Han-nover“, das am Ende der deutschen Schlachtlinie fuhr. Die schon be-kannte Erwähnung im Familienblatt vom Juli 1916 war reichlich kurz-silbig, aber er schrieb bereits am 2. Juni 1916, zwei Tage nach der Schlacht, einen Brief: „Meine lieben Eltern! Die größte Seeschlacht der Welt und aller Zeiten ist geschlagen, und ich bin dabei gewesen. Wie gewaltig das Ringen gewesen ist, lässt sich mit der Feder so wenig wie mit Worten ausdrücken. Furchtbar, gewaltig! Stundenlang folgte Salve auf Salve, Treffer auf Treffer bei Freund und Feind. Sinkende Schiffe bald hier und da. Ich will nicht versuchen, es zu schildern, ich darf es ja auch nicht. Als die Sonne sank, hätte ich keinen Groschen mehr für mein Leben gegeben. Bis Mitternacht dauerte das Schießen. Ich höre noch immer die gewaltigen Detonationen der einschlagenden Granaten und sehe die ungeheuren Wassersäulen. In der Nacht be-leuchteten brennende Schiffe weithin den Himmel. Die Zeitung wird ja wohl auch darüber schreiben. Auch mit U-Booten haben wir uns he-rumgeschlagen. Die Hauptsache ist, wir sind heil zurückgekehrt. – Dem Herrn sei Dank! – Euer Ludwig.“ Auf der Rückseite des Briefes schreibt er an seine Schwester Johanna (A 221) – nach einigen Be-merkungen zu einem anderen Sachverhalt: „Leider scheint mein guter Freund Junke auch ums Leben gekommen zu sein. Er war während der Schlacht auf einem Torpedoboot. Am meisten dauert mich seine Braut. Von meinem Kursus scheinen mindestens 6 weg zu sein. Ich will noch nach Mainz und Ginsheim schreiben, deshalb genug für heu-te. – Gruß und Kuß – Ludwig.
   Der Brief an die Eltern spiegelt noch das Grauen der Seeschlacht, er deutet auch die Todesangst und die Erleichterung nach der über-standenen Gefahr an. Er zeigt aber auch den Stolz, ein Ereignis von vermeintlich weltgeschichtlicher Bedeutung miterlebt zu haben. Ludwig Wahl nennt es die „größte Seeschlacht der Welt und aller Zeiten“ und lässt Goethes Bemerkung zu der Kanonade von Valmy 1792 ank-lingen, als klar wurde, dass die Französische Revolution sich gegen die Staaten Europas behauptet hatte („Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“).
   Ludwigs damaliges Urteil ist sicher ein Echo der langjährigen Pro-paganda der deutschen Seekriegsleitung. Es ist zutreffend in Hinblick auf den Aufwand von Schiffsraum und Munition, also von Zerstö-rungskraft und Unheil. Verfehlt ist es in Hinblick auf die geschichtliche Bedeutung. Die Seeschlacht am Skagerrak war der Versuch der deut-schen Kriegsflotte, durch einen Sieg über die englische Flotte die Blo-ckade der Schifffahrt in der Nordsee aufzubrechen. Sie sollte der Heimat Erleichterung bei der Versorgung mit Rohstoffen und Lebens-mitteln verschaffen und die Ernte des langjährigen Rüstungswettlaufs mit England einbringen, der das frühere Gleichgewicht der europä-ischen Mächte verschoben und zum Ausbruch und zur Verschärfung des Krieges beigetragen hatte. Dieses Ziel wurde mit der Seeschlacht am Skagerrak nicht erreicht: die Blockade der Nordsee durch die eng-lische Flotte blieb bestehen. Die deutsche Admiralität deutete den Misserfolg jedoch zu einem Sieg um, weil die neu geschaffene deutsche Flotte sich gegenüber der englischen wenigstens behauptet und ihr Verluste beigebracht hatte. In vielen deutschen Städten wurden Siegesdenkmale zur Erinnerung an die Seeschlacht errichtet und bis 1945 ehrfurchtsvoll gepflegt. 1916 aber zog sich die Schlachtflotte in ihre Häfen zurück und wagte keinen weiteren Angriff. Sie überließ das Meer den U-Booten. Als sie 1918 nach dem Debakel an der Westfront und vor der bevorstehenden Kapitulation doch noch auslaufen sollte, kam es zur Meuterei der Ma-trosen, zur Revolution in vielen Städten und zum Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs. Das alles konnte der junge Seemann Ludwig Wahl 1916 natürlich nicht voraussehen. Nur zu leicht verständlich, dass er damals wie die meis-ten seiner Zeitgenossen dem Hurra-Patriotismus des Wilhelminischen Deutschland („Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“) erlegen war.
   Später aber hat Ludwig Wahl seine Einschätzung revidiert. 1976, als er schon 80 Jahre alt war, hat er zum 60. Jahrestag der Schlacht am Skagerrak einen weiteren Bericht geschrieben, weit ausführlicher als seine früheren Mitteilungen. Dieser Bericht lässt nachempfinden, wie sehr das Ereignis den jungen Seemann erschüttert hat, so sehr, dass es ihm sein ganzes Leben hindurch gegenwärtig geblieben ist, als wäre es erst gestern gewesen. Möglicherweise sollte der Text, nach leichter Überarbeitung, in irgendeiner Zeitschrift veröffentlicht werden. Ich weiß nicht, ob es dazu gekommen ist, vielleicht kann er hier zum ersten Mal interessierten Lesern bekannt gemacht werden. Er lautet, datiert vom 1. Juni 1976:
   „Heute vor 60 Jahren wurde die Skagerrak-Schlacht geschlagen, und beide Flotten, Engländer und Deutsche, strebten, soweit sie sie überstanden hatten, den heimatlichen Häfen zu.
   Es war Sonntag. Die Flotte war aus Elbe und Jade ausgelaufen und vereinigte sich nördlich Helgoland. Ich war auf dem Linienschiff „Han-nover“, etwa 900 Mann Besatzung, Schlussschiff der langen Kiellinie fahrender Schiffe. Vom Ausguck, genannt Krähennest, konnte ich in weiter Ferne die letzten Panzerkreuzer an der Spitze ausmachen. Plötzlich erscholl das Trompetensignal „Klarschiff zum Gefecht“. Wir waren sprachlos, dachten wir doch, es handele sich um eine Übung. Bald aber wurden wir gewahr, dass es diesmal ernst werden sollte. Ich stieg herab von meinem Mast und begab mich auf meine Ge-fechtsstation, an ein 17cm-Geschütz. Da hörte man auch schon dumpfes, schweres Geschützfeuer, vom Feind war noch nichts zu se-hen. Aber das Aufblitzen am Horizont – die Entfernung war etwa 30 km – war wie ein Augenzwinkern. Bald, nachdem die vorderen Pan-zerkreuzer und Linienschiffe Gefechtsfühlung hatten, wurde es auch für uns ernst. Das zweite Schiff vor uns bekam einen Treffer in einen 17cm-Geschützturm, die gesamte Besatzung war gefallen. Plötzlich kam die erste Salve, die uns treffen sollte. Sie ging durch die Funkan-lage, ohne großen Schaden anzurichten und ohne zu detonieren. Der Gegner merkte, dass er zu weit lag, und verbesserte sich nach links, wodurch die zweite Salve vor dem Bug mit hoher Wassersäule explo-dierte. Nun verbesserte er sich nach rechts, und diesmal kam die dritte schwere Salve hinter dem Schiff zum Aufschlag. Wir hielten alle den Atem an, denn jetzt hatte sich der Gegner eingeschossen, jetzt musste der Treffer kommen. Aber er blieb aus. Vermutlich war das Ziel durch Rauch ihm entzogen, wir waren gerettet. Unsere eigenen Geschütze konnten den Feind nicht erreichen, die Entfernung war für unser Kaliber zu groß.
   Querab von uns, zwischen den beiden Linien, kam der Panzerkreu-zer „Seydlitz“ in Sicht. Er war schon schwer getroffen, das Achterschiff lag tief im Wasser.  Da sah ich, wie eine schwere englische Salve den achteren Turm traf und ihn in Weißglut versetzte. In ihm war mein bester Freund. Alle im Turm verbrannten, bis auf einen Offizier, der Lederzeug anhatte, wodurch er mit verhältnismäßig geringen Brand-wunden davonkam.
   So kam die Nacht heran. Es war gegen 2 Uhr morgens. In der Ferne sah man Brände, ob vom Freund oder Feind war nicht auszumachen. Plötzlich rauschte es, feindliche Torpedoboote griffen uns an. Eine schwere Explosion vor uns sagte uns, dass ein Treffer erzielt sein musste. Und schon scherte unser Vordermann nach rechts aus, wir folgten, und nun sahen wir, wie beim Linienschiff „Pommern“, in der Mitte getroffen, Bug und Heck sich aufbäumten und in die Tiefe ver-schwanden. Auch nicht ein Mann konnte gerettet werden.

-- Das Bild "Die schwer beschädigte „Seydlitz“ in Wilhemshaven" kann aufgrund von unklaren Urherberrechten nicht gezeigt werden ---

Die Nacht war rabenschwarz, wir waren auf dem Heimmarsch. Feind und Freund war nicht mehr zu erkennen. Bei Hellwerden, wir fuhren nun an der Spitze, konnte man wieder unsere Schlachtlinie erkennen, aber was passiert war, war niemand klar. So fuhren wir recht gedrückter Stimmung wieder an Helgoland vorbei und hatten nicht ei-nen Schuss abgeben können und doch das Gefühl, dass eine große Schlacht geschlagen worden war. Eine Entscheidungsschlacht war es nicht geworden, aber die Verluste waren auf der englischen Seite er-heblich höher gewesen.
   Nach dieser Schlacht, die eine Entlastung für die schwer ringende Landfront sein sollte, kam es in diesem Krieg außer verschiedenen Vorstößen nicht mehr zu einem ernsten Zusammentreffen mit dem Feind.“ – Soweit der Bericht von der Skagerrak-Schlacht.
   Wie war der junge Ludwig Wahl aus dem ländlichen Hessen zur Ma-rine gekommen? 1913 hatte er die Nase vom altsprachlichen Schulbe-trieb voll und meldete sich kurz vor Erreichen des Abiturs zur Ausbil-dung als Seeoffizier in der Handelsmarine. Auf dem Segelschulschiff „Prinz Eitel Friedrich“, einer prächtigen Dreimastbark (der Fockmast war 51 m hoch), hatte er fast ein Jahr lang ein schweres Leben, war aber trotzdem von der Seefahrt begeistert. Auf zwei weiten Reisen in die Karibik und nach Schottland genoss er in vollen Zügen die Weite des Himmels und des Meeres, das Spiel der Delphine und fliegenden Fische. 1914 überraschte ihn der Kriegsausbruch in Swinemünde. Er-füllt von der Liebe zur See meldete er sich freiwillig zur Kriegsmarine. Als Signalgast auf dem Kreuzer "Gazelle" lief er 1915 bei der Insel Rügen auf eine russische Mine und wurde mit seinen Kameraden eben noch gerettet, als das Wasser schon zu ihnen eindrang. Das Schiff wurde außer Dienst gestellt. Nun erhielt er eine artilleristische Ausbildung in Kiel und wurde bald zum Obermatrosen und Boots-mannsmaat befördert, nach der Schlacht am Skagerrak zum Dolch-fähnrich und dann zum Säbelfähnrich.
   Der Schulabbrecher machte also bei der Marine schnell Karriere. Er ließ überdies Interesse und Begabung für die Fliegerei erkennen. So kam er im März 1917 zur 1. Seeflieger-Abteilung und wurde als Foto-Beobachter ausgebildet. Über die darauf folgenden Kriegserlebnisse schreibt er 1976 im Anschluss an seinen Bericht von der Skagerrak-Schlacht: „Ich flog in der Ostsee bis kurz vor Petersburg, nahm an der Eroberung der baltischen Inseln Ösel, Moon und Dagö teil und zuletzt an der Aufklärung vor der englischen Küste, zuerst mit einem See-flugzeug von Zeebrügge aus und zuletzt mit einer Landmaschine in 7000 m Höhe zum Flug nach Dover und an die Themse. Der Krieg war zu Ende, das Zivilleben begann.“
   Als Leutnant zur See erbat und erhielt er seinen Abschied von der Marine, holte sein Abitur nach und studierte in Frankfurt Volkswirtschaft. So wurde er schließlich Kaufmann, zunächst in Berlin, und hat-te dann als Agent einer Versicherung und einer Kaffeefirma in Fried-berg großen Erfolg.
   Aber auch nach dem Ende seiner Marinelaufbahn blieb er den Kameraden zur See treu verbunden, nahm bis ins hohe Alter regelmäßig an ihren Treffen in Kiel oder Flensburg teil und hatte 1972 bei der Fernsehübertragung der Regatta der Segelschiffe in der Kieler Förde die Freude, sein altes Schulschiff, den stattlichen Großsegler, ehemals „Prinz Eitel Friedrich“, 1909 in Hamburg erbaut, wiederzuerkennen. Es war 1919 an Frankreich ausgeliefert, aber bald an Polen weitergereicht worden. Dort dient es weiterhin als Schulschiff (bis heute)

Zweifellos eine bemerkenswerte Laufbahn des Schulabbrechers Ludwig Wahl: ohne Abitur zur Handels- und Kriegsmarine, dann schließlich zur Seefliegerei und als Diplom-Kaufmann zum Versiche-rungsgeschäft. Schon im Juli 1917 schreibt der um 15 Jahre ältere Bruder Wilhelm Wahl (A 222, der spätere langjährige Schriftleiter des Familienblatts), der wohl oft die Eigenwilligkeit des Jüngsten der Fami-lie kopfschüttelnd missbilligt hatte, aus Anlass von Ludwigs Übergang von der Seefahrt zur Fliegerei an den anderen Bruder Hermann (A 225) voll Staunen und Bewunderung: „Dass unser Kleinster ein Mordsbengel ist, hat man ja früher schon gewusst, dass er es aber noch einmal so „hoch“ bringen werde, hat doch niemand geahnt.“
   Nun gut: ein eigenwilliger Jüngling, ein begeisterter Seemann und ein begeisterter Flieger – rechtfertigt das schon meine Einstufung unseres Verwandten als „außerordentliche Persönlichkeit“, wie ich am Anfang dieses Aufsatzes behauptet habe? Das zu begründen macht einen Blick auf seinen Werdegang im Zweiten Weltkrieg nötig. Aber das ist Stoff für einen weiteren Aufsatz.

Ergänzungen zu der Artikelserie „Die Familie Bernbeck im Ersten Weltkrieg“

Was? Haben wir immer noch nicht genug Kriegsberichte lesen müssen? Soll nach dem Ersten Weltkrieg jetzt gleich der Zweite Welt-krieg folgen? – Ich bitte um Verständnis. Ludwig Wahl (A 226) hat uns als Teilnehmer der Schlacht am Skagerrak in der letzten Nummer des Familienblattes beschäftigt, und bei der Durchsicht der Unterlagen, die mir Gertrud Geipel, seine Tochter (A 2262), zur Verfügung gestellt hat, wurde ich auch auf seine Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs aufmerksam, und die scheinen mir fast noch interessanter zu sein als der Nachhall der Seeschlacht von 1916. Sie zeigen, dass Ludwig Wahl keineswegs ein begeisterter Kriegsheld war – im Gegenteil, er bemühte sich als ziemlich hoher Offizier nach Kräften und unter persönlichen Gefahren, die Leiden des Krieges für Freund und Feind zu mildern.

Als 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende war, nahm Ludwig Wahl im Rang eines Leutnants zur See seinen Abschied. Er musste nun eine neue Existenz aufbauen. Er holte das Abitur nach, studierte an der neu eingerichteten Fakultät in Frankfurt Volkswirtschaft und wurde Diplom-Kaufmann, tätig zunächst in Berlin, bald aber in Friedberg. Er machte sich mit der Vertretung für eine große Versicherung und eine Kaffee-Firma selbständig, studierte aber daneben noch 10 Semester Theologie in Gießen. Er war ja Sohn eines Pfarrers und Dekans (Wil-helm Wahl, A 22) und konnte seine christliche Prägung nicht verleug-nen, und auch sein älterer Bruder Wilhelm (A 222) war Pfarrer gewor-den und wird sich über den Entschluss des Diplom-Kaufmanns gefreut haben. Dieser gab sein Zweitstudium aber auf, als die kaufmännische Tätigkeit bei der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage seine ganze Arbeitskraft verlangte. Schließlich hatte er inzwischen eine Frau und zwei Töchter zu versorgen. Er hatte zwar mit seiner Firma in Friedberg beachtlichen Erfolg, fürchtete aber spätere Schwierigkeiten bei der Altersversorgung. Wenn er jedoch Beamter würde, könnte er sich seine Dienstjahre bei der Handels- und Kriegsmarine anrechnen lassen. Da gerade die Luftfahrt von der NS-Regierung mit aller Kraft gefördert wurde und Ludwig Wahl auch auf diesem Gebiert Erfahrun-gen vorweisen konnte, stellte er 1937 einen Antrag auf „Verwendung im Bereich des Reichsministeriums für Luftfahrt“.