Januar 1915. Der Schriftleiter des Familienblattes, Pfarrer Heinrich Nies in Melbach (D 16 = D 46), schickt dem neuen Jahrgang ein nachdenkliches Vorwort voraus (S. 1f.). In den letzten Jahrzehnten, in denen man auf einen sicheren und dauerhaften Frieden habe hoffen können, habe das Familienblatt dem Ziel gedient, das Gedächtnis der alten Zeiten aufleben zu lassen. Ob das jetzt noch, 1915, passend sei? Er schreibt: „Nun sind wir mitsamt unsrem ganzen Volk wie durch einen gewaltsamen Ruck aus solcher beschaulicher Vertiefung in alten Zeiten herausgerissen worden, und unser Blick ist in die Zukunft, in eine kommende Zeit gerichtet. Zwar zunächst noch leben wir von Tag zu Tag…Aber eines steht uns fest: es wird ein Neues gepflügt auf dem Acker unseres deutschen Volkslebens. Wird da künftig auf diesem Acker auch…Platz sein...für die Saat echten Familiensinns?...Sicherlich wird in der Zukunft das öffentliche Leben einen größeren Raum einnehmen als bisher…Sind doch jetzt unsere lieben Frauen, ganz gegen Willen und Neigung, in die Politik hineingezogen und lesen die Zeitung, ohne in den Unterhaltungsteil zu blicken. Wird nicht auch nach dem Kriege der Lärm des Tages, das überlaute Knarren des Rades der Zeit alles stille Leben, sonderlich in der Familie, übertönen?“ Berechtigte Sorge und – damals noch seltener – prophetischer Weitblick. Heinrich Nies schließt mit der Überlegung, dem Familienblatt könne bei diesen Bedrohungen eine besondere Zukunftsaufgabe zufallen.

 

   Die Feldpostbriefe, teilweise noch im Dezember 1914 geschrieben, verraten Zuversicht, vielfach sogar Zufriedenheit. Otto Deppe (A 873) wurde im Oktober 1914 verwundet, schreibt aber Dezember: „Ich…hoffe jedoch, mit einem der nächsten Transporte wieder an die Front zu kommen.“ (Januarheft 1915, S. 2) – Stabsapotheker Dr. Hermann Waldeck (D 122) berichtet von einem nächtlichen Besuch in den Schützengräben bei Reims (S. 3): „Am Tage kann man nicht heran, da die Franzosen auf jeden einzelnen Menschen mit Gewehrsalven und Kanonen schießen. Unter Führung eines sehr netten Hauptmanns bin ich über 5 Stunden in seiner unterirdischen Stadt umhergewandelt. Unsere Jungs haben es sich da unten, 2 Meter unter der Erde, ganz wundervoll zurecht gemacht und fühlen sich, wie ich mich überall überzeugen konnte, trotz der fortwährend drohenden Lebensgefahr, äußerst wohl. Ihre Erdkammern sind sämtlich mit Fenstern, Türen und Öfen versehen. Die Sachen stammen aus den nächsten Ortschaften, die ohnedies jetzt von den Herren Franzosen zusammengeschossen werden. Unter der Erde, nahe dabei, entstehen dafür neue Wohnstätten…“ –    Fritz Bernbeck (E A1) dagegen empfindet Grauen. Er stieß in einem feindlichen Laufgraben auf „eine große Anzahl Toter, die schon längere Zeit hier gelegen haben mochten…Viele…hatten sich mit ihrer letzten Kraft in einen Graben geschleppt, wo sie offenbar elend umkamen. Ihre verzerrten, verwesenden Gesichter sahen in dem Mondschein schaurig aus. Im Morgennebel hoben wir nun den abgesteckten Graben aus. Wir arbeiteten sogar noch ganz frech, als wir die Engländer drüben schon Kaffee austeilen sahen. Wir schossen nicht, um nicht beim Graben gestört zu werden, die Engländer nicht, um ihr Frühstück genießen zu können. Eine Art Waffenstillstand! Er dauerte nur nicht lange…“ (S. 6) Im selben Brief erzählt er noch von einer Hühnerjagd und verrät Gewissensbisse: „Ich tapfte in allen Winkeln eines zerschossenen Gehöftes umher und erwischte auch schließlich ein feistes, schwarzes Huhn. Es war das erste Huhn, das ich ums Leben brachte. Ich kam mir in dem Augenblick unendlich roh vor. Wenn man einen Engländer, der den Kopf zu frech hochstreckt, abschießt, dann sieht man’s wenigstens nicht, was man angerichtet hat, und zweitens braucht man so einen miserablen Kerl nicht weiter zu bedauern; aber das arme Huhn tut mir jetzt noch leid.“ (S. 7)

   Ein schönes Beispiel von Ritterlichkeit zwischen den Kriegsgegnern berichtet wieder Dr. Hermann Waldeck (D 122, Märzheft 1915, S. 26): „Bei jenem Nachtangriff war ein französischer Offizier, dessen Bein von einer Granate zerschmettert worden war, in den französischen Drahtverhauen hängen geblieben und musste, da keiner seiner Landsleute sich um ihn kümmerte, 2 mal 24 Stunden im Kreuzfeuer aushalten. Als die Deutschen den Jammer nicht mehr mit ansehen und anhören konnten, schwenkten sie, obwohl es eigentlich Sache der Franzosen gewesen wäre, mit einer weißen Flagge, und als das Schießen darauf aufhörte, trat ein deutscher Offizier heraus, ging auf den Schwerverwundeten zu und machte ihn aus dem Stacheldraht los. Nun kamen auch Franzosen herbei und halfen. In demselben Augenblick fing eine französische Batterie, die den Vorgang beobachtet, aber den Sinn nicht verstanden hatte, zu feuern an, und der deutsche Offizier musste notgedrungen mit in den franz. Schützengraben flüchten. Man nahm ihn dort sehr höflich auf, und nachdem die Artillerie-Stellung benachrichtigt worden war, konnte er ungefährdet zurückgehen.“

   Karl Kessler (A 671) hat im Februar 1915 im Aisnetal ständigen Regen auszuhalten und schreibt (März 1915, S. 17): „Trotzdem muss ich mich wundern, dass der Gesundheitszustand und der Geist unserer Leute verhältnismäßig noch ein hervorragend guter ist. Denn selbst unser einer, der doch mehrere Jahre jünger ist, hat doch schon hin und wieder mit starken Erkältungen und Rheumatismus zu tun; indes fühle ich mich trotz alledem noch recht wohl. Der Mensch vermag schon viel zu ertragen, wenn es sein muss…Hoffentlich kommt jetzt bald der Frühling ins Land…Dann wird alles leichter und erträglicher werden. Und hoffentlich dann auch bald einmal die Entscheidung hier im Westen, wenn es endlich vorwärts heißt.“

   Hoffnung auf einen baldigen Siegfrieden und auf Rückgewinnung des mittelalterlichen Reichsgebiets kommt 1915 im Oktoberheft des Familienblattes zum Ausdruck. Dort hat Dr. Karl Bernbeck (E 31), den wir schon von den vaterländischen Feierstunden auf der Gießener Freilichtbühne kennen, (s. das letzte Familienblatt), einen Aufsatz „Das tausendjährige Ringen um das westliche Zwischenreich“ veröffentlicht (S. 63ff.). Das „Zwischenreich“ war das Erbe Kaiser Lothars I., des Enkels Karls d. Gr., dem bei der Reichsteilung 843 ein Reich zwischen Deutschland und Frankreich zugesprochen worden war. In dem Aufsatz heißt es am Schluss: „Deutschland…war so (nämlich auf dem Wiener Kongress 1815) um die Erfolge seiner Siege in den Freiheitskriegen schnöde betrogen worden. Einen Teil des damals uns vorenthaltenen Gebiets mit eiserner Faust zurückzuerobern, das sollte die Frucht des Waffenganges vor 45 Jahren sein: Elsaß und ein Teil von Lothringen wurden deutsches Reichsland, und insofern sind die Ruhmesjahre 70/71…die Fortsetzung der Freiheitskriege. Die Fortsetzung! Möge der gegenwärtige Weltkrieg den Schluss in dieser Streitfrage bilden und möge, wenn die Glocken einen ehrenvollen Frieden in Bälde einläuten, dort im Westen alles Soll auf Frankreichs, alles Haben auf unserer Seite stehen…Das walte Gott!“

   Auch an der Ostfront gab es 1915 Erfolge. Fritz Bernbeck (E A1), der 1914 vom Grabenkrieg in Frankreich berichtet hatte, schreibt voll Begeisterung im Dezemberheft 1915 (S. 80ff.): „Hurra, wir sind am Dnjestr. Es ging wie Blitz und Schlag…Und dann: jedes der schönen Getreidefelder, an denen wir vorüberziehen, gehört ja jetzt uns, liefert uns Brot. Um ein fruchtbares Land kämpft man viel lieber als um die wilden Berge…Am 5. Juni (1915) nachmittags ging dann der Angriff auf die von den Russen stark befestigten Höhen los. Es war die erste offene Feldschlacht, die ich erlebte. Großartig! Der ewige Schützengrabenkrieg ist ja was langweiliges…Bald hatten die Russen ihre Gewehre auf einen Haufen geschmissen und kamen mit erhobenen Händen, unschuldig grinsend auf uns zu…Es sah aus wie im Kino…Ich stand auf der Höhe bei unserer Artillerie und hatte einen weiten Ausblick. Überall blitzten Flammen aus Geschützen und platzenden Geschossen…Der Abendhimmel rot wie Feuersglut, ein herrliches Schauspiel…“  Eine schreckliche Fortsetzung folgte im Februarheft 1916 (S. 21): „Unsere Artillerie schoss unterdes das Dorf  in Brand. Sie hauste fürchterlich…Im Morgengrauen nahmen wir dann das Dorf. Die Russen hatten nicht einmal Zeit gehabt, alle Verwundeten mitzunehmen. Im Dorfe sah’s entsetzlich aus…Grauenhafte Verwüstung in den Häusern. Überall Leichen… Ein grausiger Anblick.“   Wenig später, am 25. Juni, war Fritz Bernbeck in Lebensgefahr: er geriet mit der Kompanie in sumpfiges Gelände und schweren russischen Beschuss. Von 110 Mann blieben nur 23 übrig. „Wie ich damals durchkam, weiß ich selbst nicht mehr.“ (Septemberheft 1916, S. 83)

   Zum Beginn des Jahres 1916 veröffentlicht Heinrich Nies ein langes, nachdenkliches Gedicht. (Jan 1916, S. 1f.) Die letzte Strophe lautet: „Ein neues Jahr entstieg dem Zeitenschoße./ Das Friedensjahr? – Sprich fromm: Das walte Gott! / Herr, stille du des Weltenkriegs Getose / Schaff Frieden uns, mach unseren Feind zum Spott.“

   Die Liste der Kriegsteilnehmer aus der Familie Bernbeck umfasst jetzt 31 Männer, ist aber wahrscheinlich wieder nicht vollständig.

   Dr. Hermann Waldeck (D 122, vgl. oben) berichtet zunächst noch aus der Champagne (Märzheft 1916, S. 35): „Anfang April 1915…hatten sowohl das erstmalig dort versuchte Trommelfeuer, wie die erste gewaltsame Offensive der Franzosen langsam nachgelassen…Ergebnislos…hatten die Angreifer von den mit furchtbarer Munitions- und Menschen-Vergeudung verbundenen Angriffen ablassen müssen. Aber auch unsere tapferen Truppen bedurften der Erholung und Ergänzung…“ Er wurde anschließend ins Elsaß verlegt und gibt den erheiternden Bericht eines Offiziers wieder, der auf den Höhen der Vogesen eine Heeresabteilung besucht hatte: „(Dort) habe einer vor der Hütte gesessen und gerade die Nagelschuhe der Kameradschaft geschmiert. „Was sind Sie im Zivil-Leben?! – „Kunstmaler, Euer Exzellenz!“ Und der Koch am Herdfeuer habe auf die gleiche Frage geantwortet: „Ich bin Amtsrichter, und dort draußen der, welcher die Kartoffeln schält, jetzt mein Küchenjunge, ist sonst Botanikprofessor.“ – „Da fehlt ja nur noch ein Regierungsrat!“ habe Exzellenz gerufen. Und schlagfertig erfolgte die Antwort: „Den haben wir auch, doch ist er eben gerade zum Wasser holen!“ (S. 37)

   Ludwig Wahl (A 226) hatte wechselvolle Erlebnisse. Er war 1913, vor Ausbruch des Krieges, auf einem Segelschiff der Handelsmarine. Er schreibt: „Wir kamen selten an Land, bekamen auch selten Zeitung, so dass uns der Krieg nicht wenig überraschte. Die Begeisterung war groß, die Hoffnung, nun bald mitmachen zu können, noch größer.“ (Juliheft 1916, S. 74) Er wurde in der Ostsee eingesetzt, sein Schiff nördlich von Rügen von einer russischen Mine oder einem Torpedo beschädigt. Von den späteren Einsätzen schweigt er lieber: „Es ist eben schwer zu sagen,…wo der Verrat militärischer Geheimnisse beginnt. Von meinen letzten Erlebnissen bei der Seeschlacht (das ist die Schlacht vor dem Skagerrak 1916) will und kann ich natürlich nicht reden…“ (S. 74) Später landete er nach verschiedenen Infanterie- und Artilleriekursen unverhofft bei der „Fliegerei“ und wurde im „Bildwesen (Photographie)“ ausgebildet. Er schreibt zum Jahr 1917: „Bald begannen die Vorbereitungsarbeiten zur Oesel-Unternehmung, die für die Eroberung von größter Bedeutung wurden. Ich selbst durfte die Flotte im Flugzeug nach Norden begleiten und die Eroberung am anderen Tage mir aus der Luft ansehen. Schon am zweiten Tag wurde von unserer Infanterie die größte russische Seeflugstation genommen… Hier (in Libau) verlebte ich fünf interessante Wochen, in denen ich manchen Flug hinüber nach dem Festland machte…Wohin mich das Geschick nun verschlagen wird, weiß ich noch nicht. Jedenfalls muss ich noch auf Kurse…in diesem Winter. Wenn bis dahin der Friede noch nicht ausgebrochen ist, hoffe ich nach Italien oder anderen warmen Ländern zu kommen.“ (Märzheft 1918, S. 28)

   Einen Eindruck von dem neuartigen Luftkrieg gibt auch Ludwig Schanze (A 856). Er war im Sommer 1916 in Flandern und berichtet davon (Novemberheft 1916, S. 96f.): „Hier haben wir jetzt fast jeden Tag das Schauspiel von Luftkämpfen…Seit einiger Zeit habe ich schon die Beobachtung gemacht, dass einige englische Kampfflieger den Kampf mit unseren Fokkers getrost aufnehmen, aber unser Fokker mit (nur) einem Gegner wohl in den meisten Fällen der Sieger ist…Als unser Fokker dem englischen Gegner genügend zugesetzt hatte, ergriff dieser die Flucht. Unser Fokker, der bedeutend schneller fliegt, verfolgte ihn und hatte ihn fast eingeholt, als ein zweiter englischer Kampfdoppeldecker ihm in den Rücken fallen wollte. Unser Fokker schwang sich blitzschnell auf seinen zweiten Gegner…, diesen zwang er zum Landen in unseren Linien…Da wir in unserem Korps noch mehr tüchtige Fokker…haben, werden wir jetzt noch manche interessanten Luftkämpfe bei der kolossalen Fliegertätigkeit hier beobachten können…Gestern bewarfen mit Brandbomben etwa elf bis zwölf feindliche Flieger einen unserer Fesselballons, der sofort herunterging, aber unversehrt nach Ankunft unserer Fokker sich wieder hochschwang…Diese Brandbomben scheinen eine neue Kampfweise gegen Ballons zu sein…Es war der reinste Goldregen fast über uns…“ (Novemberheft 1916, S. 96f.)

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