Wenn man mit Löwen zu tun hat, wird man gottlob von niemandem ernst genommen und darf überall hin!“  Dieses Zitat des berühmten Zoologen Bernhard Grzimek fiel mir wieder ein, als ich zum ersten mal einem der geheimnisvollen Steinlöwen im Gebiet der Bachtiari-Nomaden begegnete. Grzimek sollte Recht behalten! Spätestens seit damals nahm uns niemand mehr ernst!

Es war im März 2011, als wir von Masjed Soleyman in der südiranischen Provinz Khuzestan über die Zagros-Berge nach Shahre Kord fuhren. Die Überquerung des Gebirges stellte sich als schwieriger heraus, als wir voraussehen konnten. Meine deutschen Augen hatten auf der Landkarte eine „rote Bundesstraße“ gesehen, also dachte mein deutsches Gehirn „das ist ja eine prima Straße, da kommt man gut voran...“. Au weia! Kurz: Wir landeten ahnungslos in den zerklüfteten Tälern, Schluchten und Ebenen zwischen 4000m hohen Bergen mitten im Nichts. Die Dörfer sahen ärmlich, ja fast gruselig aus und unser bepacktes Auto wurde von den Nomaden mit skeptischen Blicken durchbohrt. Die Blicke waren kurz und scheu, aber wenn wir mit der Hand und einem Lachen grüßten, platzte ein hemmungsloses Strahlen aus den sonst so ernsten und ledernen Gesichtern.


Die Sonne neigte sich schon und warf ein warmes Licht mit langen Schatten auf die grüne Landschaft mit ihren schneebedeckten Bergen. Nur für eine kurze Zeit im Frühling ist die Landschaft hier grün. Bald schon würde eine erbarmungslose Hitze alles Grün in ein Beige verwandeln und die Berge wieder bizarr und nackt aussehen lassen. Jetzt sprudelten noch eiskalte Gebirgsbäche die Täler hinab in Richtung mesopothamische Tiefebene. Ihre zaghaften Bemühungen, bis zum persischen Golf zu gelangen, verdörrten schon bald auf den durstigen Flächen Khuzestans. Das einzige Wasser, das das schaffte, war der gewaltige Karun. Wir suchten uns also einen Weg durch die winzigen Dörfchen des Zagros-Südhanges, immer bergauf auf der „roten Bundesstraße“ mit all ihren Engpässen, Löchern und Hindernissen. An ein zügiges Vorankommen war nicht mehr zu denken! Und da passierte es: Abseits der Straße sahen wir sie: Löwen! Ungefähr vier! Wirklich!!! Sie starrten in unsere Richtung mit offenen Mäulern und spitzen Zähnen! Ich wusste schon länger, dass es diese seltenen Löwen hier im Zagros-Gebirge gab, Katarina hatte mir davon erzählt. Endlich bekamen wir sie auch mal zu Gesicht! Als wir schon vorbei gerauscht waren, schauten wir uns an und entschieden uns, sofort umzudrehen und ihnen einen Besuch abzustatten. Daniel steuerte den Wagen in die Wiese, wo sie standen.

Löwen – die Bachtiari-Nomaden sehen in ihnen das Symbol der Stärke, der Macht, der Wildheit, der Freiheit und des Stolzes. Deshalb gibt es die Tradition, dass besonders verdiente Männer einen Löwen als Grabstein bekommen. Männer, – (nur Männer!!) – die ein würdevolles und ehrenwertes Leben als Familienoberhaupt, Krieger oder Gelehrter hinter sich hatten. Früher wurden die Steinlöwen direkt dort platziert, wo solch ein Mann gestorben war, und in letzter Zeit eben auf Friedhöfen.

Sie sind ungefähr so groß wie ein echter Löwe und sie sind gehauen aus dem jeweiligen Stein der Umgebung. Ihre Beine sind nach vorne gestreckt, als würden sie eine Vollbremsung machen. Und manche haben als Basis eine Art Kufe aus Stein, ähnlich einem Schaukelpferd. Diese Löwen haben nie eine Mähne. Als geborener Tierfachmann schließe ich daraus, dass es sich bei dem Symbol für Stärke also zweifelsfrei um Löwen-Weibchen handelt ... dazu aber später noch. Der lange Löwenschwanz liegt seitlich an und die  Schwanzspitze  kringelt sich auf dem Rücken wie eine Schnecke zusammen. An der Flanke der Löwen befindet sich immer das eingemeißelte Familienzeichen des verstorbenen Helden – eine Art Wappen. Ein Dolch, gekreuzte Säbel, ein springendes Pferd, ein Halbmond...

Hier lernte ich die seltenen Tiere also zum ersten Mal kennen. Zwischen anderen Gräbern standen sie in der Abendsonne und es umgab sie eine ganz besondere Stimmung. So etwas wie Ruhe, Friedlichkeit, Gelassenheit, Genuß, Zeitlosigkeit. Dinge, die man sonst nicht unmittelbar mit Löwen verbindet. Ihr Stein strahlte eine angenehme Wärme aus und ich hätte mich gerne neben einen auf den Boden gesetzt, mich angelehnt und gesagt „so, ich bleibe jetzt hier“. Ein Platz, an dem es einem plötzlich egal war, wie spät es war, wieviel Strecke man noch fahren mußte oder welcher Tag eigentlich heute war. Aber die Kinder und Daniel erinnerten mich daran, dass wir weiter fahren mussten. Ich behielt diese erste Begegnung mit einem bachtiarischen Steinlöwen fortan immer im Gedächtnis. 
 
Auf einer anderen Reise, bei der ich alleine mit dem Auto unterwegs war, machte ich eine etwas weniger flüchtige Bekanntschaft mit einem dieser Löwen. Ich fand in der Nähe von Sheikh Ali Khan (Nähe Chelgerd, im Tal des Ab Kuhrang) einen alten Löwen, der bestimmt schon lange keinen Besuch mehr bekommen hatte. Drohend fletschte er mir seine Zähne entgegen, aber ich wusste, dass er sich heimlich freut. Wo kämen wir denn auch hin, wenn ein Löwe offen zeigen würde, dass er sich über Besuch freut!? Ich war müde und genervt von der Fahrerei, holte meinen Teppich und etwas zu Essen aus dem Auto, setzte mich zu ihm und kochte uns einen Tee. Als ich ihn fragte, ob er von meiner deutschen Wurst etwas abhaben wollte, verzog er keine Miene. Stolzer Perser! Er tat so, als möge er kein Schweinefleisch und glotzte in die Abendsonne. Eine Ziegenfamilie ohne Hirte zog an uns vorbei und vernichtete die Reste meines Essens. Ein großer Raubvogel kreiste lange über uns und schiss dem armen Löwen einen dicken Placken genau in den Nacken. Unbeeindruckt ertrug er die Schmach und erklärte mir erhaben, dass das eklige Ding sicher mir gegolten habe, er es aber gern übernehme. Typisch Perser! Oder war es echte Gelassenheit? Hatte der Löwe wirklich Charakter? Ich sah ihn mir näher an und er gab sich alle Mühe, nicht zu lachen!
Dann lehnte ich mich an seine warmen Vorderbeine, befahl ihm, gut auf mich aufzupassen und döste ein bisschen. Irgendwann muß mich der Tiefschlaf übermannt haben. Alles ringsrum, die schroffen Berge, das rauschende Wasser oder die Tatsache, als Frau allein in dieser angeblich so unwirtlichen und kreuzgefährlichen Gegend voller Ungeziefer und räuberischer  Nomaden zu sein, hüllte mich in eine unerklärliche Geborgenheit und in eine tiefe Ruhe. Da war es wieder: Das Gefühl, einfach nur HIER bleiben zu wollen.
 
Als ich erwachte, war die Sonne untergegangen, aber der Löwe war immer noch warm. Ich mußte noch bis Esfahan weiterfahren, dort hatte ich ein Hotel reserviert. Ganz schwerfällig und voller Wärme, wie man eben nach einem tiefen Mittagschlaf ist, raffte ich mich auf. Der Löwe tat, als wäre es ihm schnurz egal, dass ich jetzt gehe, aber seine verwitterten Augen verrieten, dass er in Wirklichkeit traurig war bzw. am liebsten ins Auto gehopst wäre und sich im Kofferraum zusammen gerollt hätte. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von ihm und diesem herrlichen Platz. Dieser Löwenbesuch wurde für mich unvergesslich und ich beschloss, einen eigenen Löwen haben zu wollen!
 
Genau so einen! Einen, der auf mich aufpasst und mir nicht die Wurscht wegfrißt. Zu Lebzeiten und wenn ich mal tot bin. Einen, der sich nicht wegen einem Vogelschiss aufregt! Der zwar aus Stein ist und Drohgebärden zeigt, aber dennoch Wärme und Geborgenheit ausstrahlt. Gab es nicht auch viele Menschen, die ich kannte, die genau so waren? Nach außen steinhart, Respekt fordernd, streng, stolz – und innendrin hinreißend einfach, weich, warm und auf der Suche nach einem Freund? War ich vielleicht selbst so? Toller Löwe, stark, mutig, immer mit weit geöffnetem Maul und so – und doch eigentlich eher ein frierender Wurm?
Irgendwann danach fragte mich Daniel nach einem Wunsch zu meinem 45. Geburtstag ... und da sprach ich zum ersten Mal aus, was seit langem in meinem Inneren geschlummert hatte: ich wünschte mir eine Übernachtung in der Ruinenstadt Izadkhast  und einen Löwen-Grabstein! Mein Mann verzog keine Miene! War er in Wahrheit auch so ein Löwe? Ich glaube, er kennt mich einfach nur zu gut und hatte verstanden: „Die will das wirklich!“.
 
Viele meiner Bekannten und Freunde, denen ich von meiner Steinlöwen-Grabstein-Geschichte erzählte, reagierten mit Unverständnis, lachten mich aus und wollten das nicht ernst nehmen. Sobald man auf den eigenen Tod zu sprechen kommt, wenden sie sich die Leute regelrecht ab, weil sie das Thema so unaussprechlich, so furchtbar, schrecklich und gruselig finden. Wie kann man als 45jährige über seinen eigenen Grabstein nachdenken?!  Ich kann Eure Gesichter sehen – Ihr schmunzelt auch und nehmt mich auch nicht ernst, gell? Macht nix! Sicher denkt auch Ihr, dass ich mir selbst ein Denkmal setzen will von wegen „Stärke, Macht, Stolz, etc.“ Na, ich kann es ja irgendwie nachvollziehen, dass Ihr mich nicht versteht! Ich weiß ja auch keine exakte Begründung für diesen Wunsch – aber der Wunsch nach einem Heldendenkmal ist es nicht. Aber muss ich eigentlich eine Begründung vorzeigen oder geht es auch ohne eine solche?
 
Es gibt Löwen, die so alt sind, dass sie durch die Jahrhunderte schon zur Unkenntlichkeit verwittert sind. Tatsächlich handelt sich um eine vorislamische Tradition – die ältesten Steinlöwen sollen 4000 Jahre alt sein! Es gab sie schon im Zagros-Gebirge lange bevor die Araber das alte Persien überfielen. Damals waren die Menschen dort noch Zoroastrier, also Anhänger des alten persischen Glaubens an Zarathustra. Wenn man sich die alten Löwen anschaut, bemerkt man, dass sie alle in die gleiche Himmelsrichtung schauen – nach Westen. In den Sonnenuntergang. Einmal fragte ich einen iranischen, ausgesprochen alleswissenden Reiseführer nach dem Grund für die Blickrichtung der Löwen. Ich bekam promt eine scheinbar logische Antwort: “Jaa, die gucken alle nach Mekka!“ Aha. Nur dass Mekka vom Iran aus in südwestlicher Richtung liegt, also ziemlich genau ungefähr links vor jedem Löwen. Als ich darauf hinwies, bestand er jedoch auf seine Variante und ich lenkte höflich, verständnisvoll und lächelnd ein und murmelte „tschashm!“
  
Die Zarathustraner sind heute eine anerkannte religiöse Minderheit im Iran, allerdings ist ein Großteil im Zuge der Zwangs-Islamisierung vor 1300 Jahren nach Pakistan und Indien geflohen. Sie verehren die 4 Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft und für sie ist die Sonne der Inbegriff jeden Lebens. Hell, energiespendend, heilend und lebenswichtig. Deshalb ließen sie die Löwen in Richtung des Sonnenuntergangs schauen, weil dort das Leben sozusagen nach dem Tod weitergeht. Wo die Sonne hinzieht, ist nicht der Tod, sondern dort geht es weiter in Helligkeit und Wärme. Dieser Gedanke gefiel mir sofort und je öfter ich so einem Steinlöwen begegnete, desto stärker überfiel mich ein Gefühl der Vertrautheit und des Glücks. Schwer zu beschreiben. Jedesmal dachte ich über meinen Tod nach – wie und wann er auch immer kommen mochte.
Vielleicht kennt Ihr das auch: Man fragt sich, wo man beerdigt sein möchte und wo nicht, wie das Grab gestaltet sein soll, ob man verbrannt oder nur eingesargt werden mag, was tatsächlich unter der Erde mit der Leiche passiert, unter welchen Umständen und vor allem in welchem Alter man diese Welt verlassen wird usw.
Ich weiß nicht genau, warum, aber ich kann behaupten, dass die Steinlöwen mir die Angst oder die Scheu vor dem eigenen Tod genommen haben. Alleine das viele Nachdenken darüber hat in mir einiges geklärt und mir diese diffuse Angst genommen. Beim Anblick eines solchen Löwen fällt es mir plötzlich leicht zu denken „wenn es dann mal soweit ist, dann geh ich halt“. Dann kann ich sagen, dass mein Leben besonders war.
Besonders besonders durch meine Beziehung zu Tieren, durch die Begegnung mit Daniel, durch meine einzigartigen (manchmal nur einzig, aber nicht artigen) Kinder, durch das Land Iran und den Steinlöwen. Mein Leben hat sich gelohnt. Jetzt schon. Wenn es vielleicht frühzeitig endet, dann war es gewürzt, voller Geschmack und voller Herzensangelegenheiten. Nichts ist schwarz, düster oder dumpf. Ich weiß jetzt genau, dass ich nicht verbrannt werden möchte und dass ich an keinem bestimmten Ort begraben werden will. Ist mir egal, wo. Und wenn der Löwe nicht in eine deutsche Friedhofs-Ordnung passt, weil er 13 kg zu schwer und 7 cm zu lang ist, dann stellt ihn halt irgendwo hin, wo es schön ist und besucht mich da – ich werde da sein, wo der Löwe ist und nicht in der Erde. Und ich möchte keinen traurigen Besuch! Am liebsten hätte ich, wenn meine Familie und Freunde oder auch Unbekannte mit jeder Menge zu Essen, einem Teppich und krakelenden Kindern zu meinem Löwen kommen würden!
 
In der Stadt Shahre Kord (der Hauptstadt der Bachtiaren, in der Provinz mit dem unaussprechlichen Namen Charmahal Bachtiari) fanden wir ein Jahr später heraus, dass es in der Nähe nur noch einen (!) Steinmetz gibt, der die traditionellen Löwen herstellen kann. Firouz Bagheri aus Hafshejan. Das Dorf liegt 15 km von Shahre Kord entfernt. In diese abgelegene Gegend kommt man normalerweise nicht mal hin, wenn man „abbiegt“. Aber es lag auf dem Weg, als wir im November 2012 den Spuren von Vita Sackville-West von 1928  folgten.
 
Es war schon recht frostig in den Bergen hinter Esfahan, als wir das besagte Dorf Hafshejan und die Straße der Steinmetze fanden. Ein Steinmetz neben dem anderen! Alles voller Grabsteine. Daniel fragte den nächstbesten Mann nach einem gewissen Herrn Bagheri. Der zahnlose Mund des zerlumpten Mannes lachte schallend und mit strahlenden schwarzen Augen fragte er: „Welchen Bagheri meinen Sie denn? Wir heißen hier alle Bagheri!“ Herr Firouz Bagheri war schnell gefunden. Sichtlich überrascht von einem Auto voller Ausländer lief die ganze Straße zusammen und Herr Firouz war offenbar sehr stolz, dass wir genau zu ihm wollten. Die einzigen, die nicht zu seiner Werkstatt gelaufen kamen, waren die vielen Steinlöwen, die rechts und links der Straße standen. Löwen mit Mähne und spitzen Zähnen. Manche sogar golden angemalt. Riesige, kleine, dicke, dünne, hübsche, hässliche. Solche Löwen stehen vor Restaurants oder am Eingang von Museen oder vor Banken, aber nirgendwo war so ein Löwe, wie ich meinte. Daniel beschrieb, worum es uns ging und die Steinmetze staunten, was die Ausländer so alles über die alte, aber schwindende Kultur der Bachtiaren-Grabsteine wussten. Firouz Bagheri hatte verstanden. „Sie meinen also so eine alte Form, mit den schiefen Beinen, ohne Mähne und mit offenem Maul? Sind sie sicher? Das will heute keiner mehr, wissen Sie. Diese Form der Grablöwen wird eigentlich gar nicht mehr hergestellt. Die Leute finden die alten Löwen unmodern und nicht elegant genug. Sie wollen moderne Grabsteine mit glänzender Marmor-Oberfläche und Goldbuchstaben oder eingravierten Portraits.
Aber wenn Sie unbedingt wollen, kann ich Ihnen einen herstellen!“ Und weiter sagte er: “Es gibt auch Familien, die verkaufen ihre alten Löwen, weil sie sie nicht mehr haben wollen. Ich kann mich erkundigen, wenn sie so einen haben wollen.“ Bei dem Gedanken, einen „gebrauchten“ Grabstein zu kaufen, fühlten wir uns nicht wirklich wohl. Wer die Völker in den iranischen Bergen ein bisschen kennt, der ahnt auch, dass es sich dabei bestimmt nicht immer um rechtmäßige Abläufe handelt, sondern dass die alten Löwen regelrecht auf Bestellung von den Gräbern gestohlen werden! Obwohl ich freilich aus rein tierschützerischer Sicht am liebsten alle alten Löwen einsammeln wollen würde! Aber nein, wir wollten einen neuen Löwen. Allein schon, um beim Export nicht in den Verdacht zu geraten, Antiquitäten schmuggeln zu wollen.

Herr Firouz Bagheri kannte den Satz von Herrn Grzimek offensichtlich auch! Ich glaube nicht, dass er uns ernst nahm, als wir uns verabschiedeten und versprachen, demnächst wieder zu kommen und einen solchen Löwen in Auftrag zu geben. Der dachte bestimmt: „Diese komischen Ausländer! Die kommen eh nie wieder!“  Falsch gedacht! Am 25. März 2013, zwei Tage nach meinem 45. Geburtstag, erschienen wir wieder in der Straße bei den Steinmetzen. Diesmal bewaffnet mit einer technischen Zeichnung, auf der ich meinen Grab-Löwen genau aufgezeichnet hatte, beschriftet und bemaßt. Dazu ein DIN A4 großes Muster des Bernbeck´schen Familienwappens für die linke Löwenflanke (sitzt das Herz auch bei einem Löwen links?). Des weiteren – um alle Missverständnisse auszuschalten - hatte ich Fotos von Stein-Löwen gemacht, wie meiner NICHT aussehen sollte: grade Beine, lange Zähne, böser Blick... wollte ich nicht haben! Mein Löwe sollte nett – ja genau: nett! – aussehen. Nett, glücklich, freundlich und zufrieden! Eben so, wie die Steinlöwen heimlich alle sind: lieb! Lächeln sollte er!
 
Der arme Herr Bagheri! Das war fast zu viel für ihn! Verunsichert und zögerlich versuchte er uns klar zu machen, dass er diesen Auftrag eigentlich nun doch nicht ausführen könne:
 
Erstens: „Frau Bernbeck lebt ja noch!“ Genau. Noch! Und wie! Aber Herr Firouz sagte, sonst kämen doch nur Familenangehörige von Verstorbenen hier her und würden einen Grabstein bestellen. Noch nie habe jemand Lebendiges seinen eigenen Grabstein bestellt! Wir seien ja gar keine Trauergemeinde. Stimmt, wir waren das Gegenteil – ein heiterer Haufen (die Kinder, Daniels ehemaliger Chef Manfred aus Nackenheim und meine dänische Freundin Eva waren auch dabei)! Wenn Herr Firouz etwas abergläubisch war, mag dieser Umstand für ihn vielleicht unheimlich gewesen sein.
 
Zweitens: „Frau Bernbeck ist eine Frau!“  So? Na gut, zumindest manchmal.  Löwen-Gräber gäbe es aber nur für Manner, erklärte Herr Bagheri. Noch nie habe eine Frau unter so einem Löwen gelegen! Das ginge doch nicht.... Wieso denn nicht?! Der Löwe ist ja übrigens auch ein Mädchen! Eindeutig! Ohne Mähne! Und außerdem ist Frau Bernbeck ja eigentlich auch ein Held oder Familienoberhaupt (an Werktagen zwischen 7 und 18 Uhr) und bestimmt auch ein bisschen ehrenwert und so. Also?
 
Drittens: „Frau Bernbeck ist kein Moslem!“ Hm. Stimmt auch. Genaugenommen bin ich ja sogar gar nix, nicht getauft, weder katholisch noch protestantisch, weder Buddhist noch Hindu, noch Jude,... gaaar nix! Oder war das dann noch schlimmer? Also, was jetzt? Die Löwen stammen aus zoroastrischer Zeit, hat doch mit Moslem gar nichts zu tun!
 
Viertens: „Frau Bernbeck hat selbst gesagt, dass sie nicht mehr lange im Iran sein wird. Dass sie dann nach Europa oder sonstwohin gehen werde!“ Stimmt vermutlich auch. Ja, aber wozu bräuchte sie dann hier im Iran einen Grabstein? Und was passiere  mit dem Löwen, wenn Familie Bernbeck geht? Der arme Mann bekam eine handfeste Antwort: „Container auf, Löwe rein, Container zu!“ Er goss sich schweigend noch einen Tee ein und verschüttete ihn sofort wieder.
 
Aber jetzt fünftens: „Ein freundlicher Löwe?! Das geht nicht! Sowas gibt‘s doch gar nicht!“ Herr Firouz erklärte, dass alle anderen traditionellen Steinlöwen ein großes offenstehendes Maul und spitze Zähne haben und dass sie immer bedrohlich schauen müssten, sonst hätte doch niemand Respekt vor ihnen und der dazugehörigen Familie! Ein lächelnder Löwe würde ein Gespött über den ganzen Klan bringen! So etwas sei doch schrecklich! Antwort: Zu spät! Wir sind ja jetzt schon das Gespött der Leute! Uns belächelt doch sowieso jeder! Und ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich‘s gänzlich ungeniert! Lieber sollen Kinder kichernd meinem Grabstein Sattel und Halfter anlegen und vergnügt reiten oder Besucher sollen mit dem Löwen gemeinsam über mich lachen! Das macht nix, Herr Bagheri! Und jetzt her mit dem Löwen!! Der Steinmetz gab auf! Er hatte keine Chance! Er nahm den Auftrag entgegen, machte einen - vermutlich völlig überzogenen - Preisvorschlag und sagte, in 2 Monaten sei der Löwe fertig. Die Leute in der Straße winkten uns hinterher bis wir außer Sichtweite waren.
 
Die Zeit verging und ich ging sozusagen mit meinem Löwen schwanger. Ich wusste, er wächst und nimmt Form an, bekommt Augen und Füße, Ohren und Nase, aber wie er am Ende aussehen würde und welche „Persönlichkeit“ er haben würde, wusste ich nicht. So ist es auch, wenn man ein Baby bekommt! Und wie eine solche schwangere Mutter wusste ich nichts, nur eines: Ich würde den Löwen so liebhaben, wie er ist! Vielleicht sieht er ja komisch aus? Macht nix. Vielleicht wird er zu dick? Egal. Vielleicht wird sein Gesicht nicht schön? Mir wurscht! Denn selbst wenn er komisch aussehen würde, wäre er eine steinerne Erinnerung an die vielen schönen Geschichten dahinter, an die einzigartigen Stimmungen und die bleibenden Eindrücke.

Im Mai, also 2 Monate später, klingelte Agha Daniels Telefon. Der Löwe sei dann bald fertig! Herr Bagheri bot an, den Löwen nach Teheran freihaus liefern zu lassen. Freilich wäre das die einfachste Lösung gewesen, aber sie kam für mich keine Sekunde lang in Frage. Wie sehr freute ich mich auf die 800km lange Reise dort hin und auf den Moment, ihn an seinem „Geburtsort“ das erste mal sehen zu können! Neinnein, ich wollte mein Tier unbedingt selbst abholen und heimbringen – wie auch immer! Es wurden zahlreiche Techniken diskutiert, wie man das wilde Tier in sein neues Revier übersiedeln könnte. Anhänger mieten? Transporter leihen? Oder doch in unserem Auto hintendrin mitnehmen? Wir entschieden uns für Daniels alten Freund Mehdi Abbassi, den er seit Kindertagen kennt. Mehdi ist Elektriker, wohnt in unserer Nähe und hat einen alten Peykan Pickup. Genau den brauchten wir! Den Pickup gibt´s aber nur mit Mehdi – also: Mehdi kommt mit! Er nahm sich ein ganzes Wochenende und den Samstag (für ihn ein Werktag) frei, um mit uns meinen Löwen heim zu holen. Und wer kommt noch mit? Es kommt nur einer in Frage, der geeignet ist für solch ein Himmelfahrtskommando: unser Freund, der Eis-Hassan.
 
Am 20. Juni brachen wir auf. Daniel und Mehdi im Toyota, Hassan und Lydia mit ihrem Jeep und ich mit wechselnden Kindern im Peykan. Bei 40 Grad Hitze ohne Cooler eilten wir mit wehenden Haaren (weil offenem Fenster) meinem Löwen entgegen. Besonders Carl verliebte sich sofort in die kleine Peykan-Klapperscheese, die mich sehr an Onkel Heinz´alten grauen Trabant erinnerte. Ohrenbetäubende Geräuschkulisse und wirklich abenteuerliches Fahrgefühl! Ich liebte diese Momente, in denen man feststellte, daß man so einen Moment wohl in Deutschland nie erleben könnte! Unterwegs in den Bergen bei Kashan gab es plötzlich das uns schon bekannte pft-pft-pft-pfffffffft-Geräusch: einer der dünnen abgewetzten Reifchen hatte einen Platten. Der noch abgewetztere Ersatzreifen mit Glatzen-Profil wurde montiert und das Fahrverhalten wechselte von abenteuerlich zu lebensgefährlich!
 
In einer harmlosen Kurve auf einer hügeligen Landstraße schlingerte der kleine Orientale schwungvoll auf 2 Rädern – danach fuhren wir lieber etwas langsamer. Auf dem Weg nach Golpayegan wurde es dämmerig und wir hielten Ausschau nach einem Platz zum Übernachten. Im Iran kann man meistens von Weitem auf den ansonsten völlig kahlen und steilen Berghängen vereinzelte Bäume sehen. In der Regel wächst nur dort ein Baum, wo eine Quelle ist und deshalb führt auch meistens ein Pfad dorthin. Auf diese Art fanden wir eine hoch am Berg gelegene verlassene Hirten-Hütte bei einer Wasserstelle mit den dazugehörigen Bäumen – wie für uns gemacht! Julia entdeckte an den Stämmen der Bäume hunderte von leeren Hüllen von Hornissen – niemand von uns hatte so etwas schon mal gesehen. Sozusagen Hornissen in voller Größe, nur eben hohl – interessant. Die Kinder machten ein Lagerfeuer, drei Dosen kühles Bier zischten in den islamischen Abendhimmel, Hassan spielte Tomback , Lydia und ich kochten etwas, während unten im Tal die orangenen Lampen der weit entfernten Häuser angingen und die Autos auf der Landstraße eine Lichterkette bildeten. Es war still - sogar windstill. Bis pünktlich zur Dämmerung ein Haufen Schakale zu schreien anfing. Sie waren nah, aber dennoch unsichtbar um uns in Stellung gegangen. Wie kleine Kinder, die verhauen werden, hört sich das an. Für uns gehört das Schakal-Geheule zur Wüsten-Atmosphäre, die wir gut kennen und so sehr mögen. Es ist ebenso schaurig wie schön, markerschütternd und lustig zugleich. Auch die Kinder haben keine Angst mehr davor, weil sie die Tiere kennen und wissen, dass Schakale keine Bedrohung für uns sind. Die Tiere haben mehr Angst als Verstand und wenn sie so leckeres Kebab riechen und nix abkriegen können, dann haben sie eben auch einen Grund zum Heulen.
 
Die Kinder fegten den Dreck und die toten Tierchen der letzten Jahre von dem alten Perserteppich, der in der steinernen Hirten-Bude lag und bauten sich ihr Bett. Nach dem Essen fielen sie von ganz allein in ihre Schlafsäcke. Daniel und ich kletterten auf das Dach und genossen noch 2 Minuten den Sternenhimmel, bevor uns die Augen zu fielen. Mehdi baute sich ein Lager auf der noch leeren Pritsche seines Peykans und Hassan verschwand mit Lydia im Zelt. 
 
Am nächsten Morgen wurde mir klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich meinen Grabstein von unten sehen könne: Ich war offensichtlich schon zu alt, um von dem Flachdach der Hütte wieder herunter zu kommen. Daniel konnte sich mit einem Satz auf das rund 3m hohe Dach und wieder hinunter schwingen, selbst Julia schaffte das irgendwie. Ich Sportskanone hingegen hatte mir schon beim Hochklettern die Beine blutig geschabt und wusste nicht, wie ich jemals da runter kommen sollte.  Mehdi mußte sein Auto so an die Hütte ranfahren, dass ich Gazelle (oder wie heißt das Tier mit dem Rüssel?) es als Leiter zum Herabsteigen nehmen konnte. Seht ihr, so schnell wird man alt! Aber kein Grund zur Sorge – schon heute Nachmittag würde ich ihn haben, meinen Grabstein!

Hassan bereitete das schon traditionelle Rührei mit deutschem Schweinespeck (von Daniel im Koffer ins Land geschmuggelt) zum Frühstück. Was für einen schönen Platz wir gefunden hatten, sahen wir erst jetzt.
 
Unser Panorama reichte bis 5km tief in die Talebene und niemand Neugieriges war gekommen, um uns die üblichen Löcher in den Bauch zu fragen. Nachdem alles zusammengepackt war, rumpelten wir die Piste wieder hinunter in die Zivilisation und fuhren Richtung Golpayegan weiter.Wer jetzt auf die Landkarte schaut, stellt fest, dass wir einen nicht unerheblichen Umweg gefahren waren.  Der Weg durch die Prärie führt an schönen Stellen vorbei, die man nie zu Gesicht bekommt, wenn man nicht „abbiegt“: Die Passhöhe über das Karkas-Gebirge südlich von Kashan, der tolle Reifen-Laden im heruntergekommenen Straßendorf Muteh (wo wir den Platten flicken ließen), dann Gugad mit seiner großartigen roten Lehm-Zitadelle Marke „Aladin“ oder Khansar, die Stadt des Honigs und des Tabaks für die Wasserpfeifen.
 
Hier ungefähr merken wir, dass wir schon wieder – wie immer! – viel zu sehr gebummelt haben und wir entscheiden uns, etwas Gas zu geben. Mehdi übernahm den Peykan, denn ich konnte nicht mehr! Diese kleine Gurke zu fahren, war locker mal doppelt so antrengend wie das Fahren unseres großen Toyota-Jeeps. Keine Servolenkung, sassanidische Blattfedern, achämenidische Bremsen und orientalische  Kurvendynamik in der ungefiltert herein drückenden Hitze der Wüste rauben einem auf diesen Straßen die letzte Kraft. Wie wohl erst das Fahrverhalten werden würde, wenn mein 400kg-Tier auf der Pritsche sitzt und die Ohren im Wind flattern lässt?! In Saman überquerten wir den smaragdgrünen, tief in die Landschaft gekerbten Fluss Zayanderud und durchfuhren die schönen ebenso grünen Plantagen an den Flusshängen. Danach wurde die Landschaft wieder „beige“ . Ob uns mein Löwe schon hat wittern können? Es war nicht mehr weit. Ich war sooo aufgeregt! Ungefähr so muß es für Kinder sein, die wissen, dass hinter der verschlossenen Wohnzimmertür der geputzte Tannenbaum steht! Nachmittags um halb vier waren wir endlich in Hafshejan!
 
Der Steinmetz Agha Firouz Bagheri stand vor seiner Werkstatt und lächelte gerührt, als die 2 Jeeps und der kleine Peykan in die Straße einbogen.  Man konnte erkennen, dass er sich tatsächlich freute, dass wir kamen. Vermutlich hatte er 3 Monate gedacht, wir würden uns einen Spaß aus der Sache machen. Feierlich  wurden wir von seiner Familie mit Tee und Shirini  begrüßt und die Männer unterhielten sich über die Fahrt. Ich schielte ungeduldig auf das große Tor der Werkstatt, aber es war geschlossen.

Warum nur?! Der wusste doch, dass wir kommen! War etwas schief gegangen? War er doch nicht fertig? War der Löwe misslungen? „Oh nein! Was ist, wenn wir umsonst gekommen sind?!“, dachte ich, und eine dunkle Wolke zog durch meinen deutschen Kopf. Es waren quälende Minuten für mich. Na, der hatte ja die Ruhe weg, dieser Agha Firouz! Die Kinder fingen auch an, ungeduldig zu werden und sie kamen ausgerechnet zu mir, um sich zu erkundigen, wo denn nun mein Löwe sei. War er vielleicht gar nicht in der Werkstatt? Bestimmt hatte der Halunke ihn längst verkauft! Ich rückte näher an Daniel und zupfte unauffällig an seinem Hemd und flüsterte, er solle jetzt mal fragen, ob wir den Löwen nicht mal langsam kennen lernen dürften. Herr Bagheri hatte meine Ungeduld bemerkt und wurde verlegen und lächelte immer mehr. In Zeitlupe bewegte er sich gestikulierend auf das Tor zu – ich sah ja schon schwarz! – da stimmte doch bestimmt was nicht!! Um ein Haar wäre ich unflätig geworden.
 
Jeder konnte merken, dass der arme kleine Steinmetz regelrecht verkrampft war. Ja, natürlich, da war dieser „Das-sind-reiche-Ausländer-aus-der-Hauptstadt–und-ich-bin-nur-ein-kleiner-armer-Steinmetz-vom-Lande-Komplex“, aber den kannten wir schon und hatten eine ganz einfache Art gefunden, ihn auszuschalten. Nämlich nett und humorvoll, vorsichtig und nicht überheblich zu sein. Ich wette, er fand uns sympathisch. Aber Herr Bagheri hatte noch ein ganz anderes Problem, wie wir hinterher rausbekamen.
 
Die Kinder drängelten an der Tür und ich legte mein Ohr an das Tor und horchte – drin war alles ruhig. Kein Knurren, kein Fauchen. Ach ja, richtig, ich hatte ja auch ausdrücklich einen lieben Löwen bestellt. Agha Firouz öffnete endlich den rechten Flügel des Tores. Kein Löwe da! Wusste ich´s doch! Ich war verzweifelt! Unsere Augen konnten im Inneren der Werkstatt erstmal nichts erkennen, weil es draußen sonnenhell war. Aber da! Hinter dem linken Türflügel stand was! Ziemlich groß und aus fast weißem Stein! Als das Tor ganz geöffnet war, fiel die Sonne auf ihn und er grinste uns an – mein Löwe! Die Kinder fingen an zu quietschen und fielen ihm um den Hals. Wir alle, Lydia, Hassan, Mehdi, Daniel und vor allem ich mußten laut und von ganzem Herzen lachen, dazu kamen auch andere, komische Geräusche der Überraschung und Bewunderung aus unseren Kehlen, als wir ihn sahen. Es war der erste, einzige  lächelnde, nette, niedlichste Steinlöwe der Welt!
Zugegeben: Unbedingt respekteinflößend und königlich sah er nicht grade aus, denn er hatte Kulleraugen, eine Nasenbär-Nase und ein menschliches Lächeln. Aber jeder, der ihn ansah, mußte ihn einfach lieb haben. Während Fritz schon drauf saß und irgendwohin ritt, untersuchte Carl die Bauch-Unterseite (Männchen oder Weibchen?) und Julia hibbelte in einem fort drum herum und krabbelte ihn. Auf der Straße war ein Tumult von Neugierigen entstanden. Auch diese Männer und Kinder lachten, als sie den Löwen und die komischen Ausländer rings herum sahen. Ich war glücklich! Der erste Feldversuch, wie Menschen auf meinen zukünftigen Grabstein reagierten, war vollends geglückt: Alle hatten ein fröhliches Gesicht!
 
Und nicht nur ich war glücklich! Auch der Agha Bagheri: Er stand etwas abseits und beobachtete das Geschehen. Wenn er keine Ohren gehabt hätte, hätte er im Kreis gelächelt. Jetzt war klar, warum er vorher so verkrampft gewesen war. Er hatte es offensichtlich nicht für möglich gehalten, den Auftrag wunschgemäß ausgeführt zu haben. Jetzt war klar: Das Tier, was er geschaffen hatte, war tatsächlich so geworden, wie die Kunden es sich vorgestellt hatten! Eine schwere Last muß von ihm in dem Moment abgefallen sein, als er unsere Reaktion auf den Löwen sah! Diese Ausländer liebten diesen - in seinen Augen „nicht richtigen“ - Löwen ohne wenn und aber! Anstandslos! Mitsamt dämlichem Lächeln und komischer Nase! Herr Bagheri hatte mich noch bei der Auftrags-Annahme gefragt, wie er denn um Gottes Willen einem Löwen ein liebes Gesicht verpassen solle. Ich hatte ihm auf einen verknitterten Fetzen Papier ein Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesicht aufgemalt, wobei ich merkte, dass er sich verarscht fühlte. Aber er hatte es sich getraut! Es war bestimmt kein einfacher Moment für ihn gewesen, als er mit der Steinfräse (nicht mit einem Bleistift, den man wieder wegradieren kann!) dem Löwen sein Gesicht malte! Seit 35 Jahren war er Steinmetz, aber noch nie hat ein Kunde so fröhlich und dankbar einen Grabstein abgeholt und ohne Meckern (und vor allem ohne zu handeln!) bezahlt!  Als hätte sich ein Pfropfen gelöst, waren alle Bedenken auf beiden Seiten zerstreut und ich bat Herrn Firouz noch, seinen Namen, den Ort Hafshejan und das Datum einzugravieren . Auch das war ungewöhnlich für ihn und er war sichtlich geehrt – auch wenn er sich für sein Meisterwerk bestimmt insgeheim genierte.  Und die Ohren hatte er vergessen. Schnell malte ich die Form der Ohren mit Bleistift auf und schon wuchsen sie aus dem Kopf.
 
Um ehrlich zu sein war mein Löwe ungefähr ein viertel größer als ich ihn bestellt hatte.  Also wog er jetzt statt angenommener 300 Kilo wohl etwa 400. Außerdem war er mir etwas zu eckig. Genaugenommen hatte er einen quadratischen Kopf. Aber schließlich hatte ich den ja auch ab und zu mal, oder? Ich beschloss, ihn so zu mögen, wie er war. Viereckiger Brummschädel! Und überhaupt war seine ganze Figur nicht grade raubkatzig geformt. Aber auch hier erkannte ich gleich die Parallele zu meiner eigenen Figur, die eher an einen Kubus erinnerte statt an eine sportliche Raubkatze. Ohne Hals und ohne Hüfte eben. Mein prüfender Blick verunsicherte meinen Löwen für einen Moment lang – er hatte Angst, dass ich Herrn Firouz bitte, ihm mit der Fräse eine Diät zu verpassen. Aber ich finde Diäten gemein und wir beide waren sofort einer Meinung: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!“ Ist es nicht das Schönste im Leben, mit Quadratschädel, fehlendem Hals, zu vielen Kilos, unklarem Geschlecht und zahnlosem Grinsen einfach geliebt zu werden? So wie man eben ist! Dem Löwen ging es also gut – das konnte jeder sehen. Wenn er nicht aus Stein gewesen wäre, hätte sich sein Schnurren bestimmt wie ein alter Diesel-Motor angehört.

 

Social Share:
Go to Top