Am 7. Juni 1876, das war der Mittwoch nach Pfingsten, fand also der erste Familientag der Familie Bernbeck statt, den Carl Leimbach (A 81) zusammen mit dem Gießener Lokalkomité und dem Provisorischen Festausschuss sorgfältig vorbereitet hatte. Im Korrespondenzblatt vom 1. Juli 1876 berichtet Wilhelm Wahl (A 22) ausführlich darüber. Dort lesen wir: (aa0. 38f): „Schon am Vorabend versammelten sich im Café Ebel das Localcomité, der Familienausschuss und andere bereits an-gekommene Familienmitglieder, unter ihnen auch einige junge Frauen und Jungfrauen, um (…) die am Festtage zur Beratung kommenden Gegenstände einer vorläufigen Besprechung zu unterziehen. Den Vor-sitz übernahm das älteste Mitglied des Familienausschusses, Vetter Carl Bernbeck aus Queck (C 2). Franz Wahl (A 23) legte einen „Entwurf der Statuten der Familie Bernbeck „ vor, der in allen wesentlichen Punk-ten gutgeheißen, in einigen wenigen modifiziert wurde.

Daß die Debatte über einige §§ eine etwas lebhafte war, machte zwar dem Präsidenten bisweilen einige Mühe, die parlamentarische Ordnung aufrecht zu er-halten, war indessen insofern von praktischem Wert, als dadurch die Debatte des Haupttages über diesen Gegenstand abgekürzt und die Verhandlungen wesentlich vereinfacht wurden. Nachdem zuletzt noch diejenigen Familienmitglieder bestimmt worden waren, welche des an-deren Tags die Vorstellung der engeren Familienkreise übernehmen sollten, war der offizielle Teil des Abends erledigt, und diejenigen, wel-che nicht eine überwältigende Sehnsucht nach Ruhe empfanden, gin-gen zur gemütlichen Unterhaltung über. (…) Erst spät trennen sich die Letzten und gingen nach verschiedenen Seiten ab und zur Ruhe.“ Der Berichterstatter fährt fort (aa0. 39): „Am andern Morgen führten Züge von allen Seiten das Gros der Familie herbei. Nach dem Frühstück und der ersten Begrüßung bei Vater Lenz und auf dem Felsenkeller wan-derte man allmählich gruppenweise zur Schönen Aussicht, wo sich bald bei Jung und Alt die heiterste Feststimmung geltend machte.“

Wieviele Besucher hatten sich eingefunden? Das erklärt Carl Leim-bach als „Sekretär des Familienrates“ (aa0. 31): „Nach offizieller Zäh-lung der Besucher des Familientages betrug die Zahl der am Mittage des 7. Juni Anwesenden 125. Hierzu kamen am Nachmittage 6 Perso-nen und 1 Person, welche nur am 6. Juni anwesend sein konnte, also in Summa 132 Personen.“ Diese Zahl war fast ein Rekord. Sie wurde nur zweimal übertroffen: 1920 auf dem ersten Familientag nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (135 Besucher) und 1982 (155 Besucher). Zu den übrigen Familientagen waren oft wesentlich weniger Besucher gekommen, z.B. 1883 nur 40, 1884 sogar nur 29. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren meist zwischen 60 und 90 Verwandte anwesend. (Diese Zahlen stammen aus dem Familienbuch von 2004/2006, das nach dem elektronischen Verzeichnis von Otto-Georg Richter (F 9433) hergestellt wurde. –aa0. S. 1f.)
Schon auf dem ersten Familientag 1876 war es nicht ganz einfach, alle Ankömmlinge in einer Anwesenheitsliste zu erfassen, wohl weil ei-nige verspätet eintrafen und andere sich frühzeitig verabschieden mussten. Von den 132 Personen waren nur 129 nachzuweisen. Das ließ Carl Leimbach keine Ruhe. Als Sekretär des Familienrates fühlt er sich verpflichtet, die Differenz und etwaige Lücken aufzuklären. Um Ge-nauigkeit bemüht, schrieb er (aa0. 31f.): „Die Präsenzliste läßt vielleicht noch einen oder zwei Namen vermissen. Wir bitten darum diejenigen Festbesucher, welche in der später zu veröffentlichenden Präsenzliste nicht verzeichnet sind, ihren Namen uns baldigst kund werden zu las-sen, damit wir diese in einem Nachtrage in nächster No. mitteilen kön-nen. Andernfalls ist in der Zählung ein Irrtum vorgefallen.“

Wilhelm Wahl (A 22) setzt seinen Bericht des Familientages fort (aa0. 39): „Um 12 ¼ Uhr begannen, nachdem alle Gäste, nach Stämmen ge-ordnet, ihre Plätze eingenommen, die Verhandlungen, - Der Senior der Familie, Pfarrer Christian Bernbeck zu Altenbuseck, der einzige noch überlebende Sohn des Stammvaters Johann Daniel Bernbeck, unser allverehrter Pate, eröffnete den Familientag mit einer kurzen Anspra-che, in welcher er seine große Freude über dieses schöne Fest und die große Anzahl von lieben Festgenossen aussprach. Nachdem er den Familientag für eröffnet erklärt hatte, fügte er die Bitte hinzu, ihn um seines vorgerückten Alters (er war 77 Jahre alt) und damit verbundener Körperbeschwerden willen von der Last des Präsidiums zu entbinden. Er forderte Vetter Carl Leimbach auf, bis zur Wahl des Präsidenten die Verhandlungen zu leiten. Nunmehr wurden die beiden ersten Verse des ersten Festliedes „Erhebt die Herzen in der Runde“ (verfasst von Carl Leimbach, aa0. 9) gesungen und dann zur Wahl des Präsidenten ge-schritten.“

Die Wahl fiel, wie kaum anders zu erwarten, auf Carl Leimbach, nach-dem man beschlossen hatte, das ursprünglich vorgesehene Wahlver-fahren mit Stimmzetteln durch Akklamation zu vereinfachen. Carl Leim-bach übernahm dankend das Präsidium und hielt zunächst „eine mit allgemeinem Beifall aufgenommene einleitende Ansprache“ (aa0. 39). Sie wurde zusammen mit dem Bericht von Wilhelm Wahl im Wortlaut abgedruckt (aa0. 41ff.) Darin stellt Carl Leimbach einleitend fest, die „teuren Verwandten“ seien nicht „durch die Worte eines Vetters herbei-gezogen worden“ (er meint damit seine eigene Einladung), „sondern durch den starken Magnet verwandtschaftlicher Liebe, einer Liebe, die in den Herzen unserer Großeltern und Eltern geglüht hat bis zu diesem Augenblicke, soweit sie noch leben, und geglüht hat bis zum letzten Augenblickes ihres Lebens, soweit sie heimgegangen sind in die obere und bessere Heimat, einer Liebe, welche auch uns angeboren, einge-pflanzt und anerzogen worden ist, so daß wir derselben wohl zeitweise, aber nicht dauernd vergessen konnten. Unserer Großeltern, Großonkel und Großtanten Vorbilder mögen uns denn auch heute vor Augen ste-hen. Ihre Augen schauen jetzt auf uns und freuen sich unser“. Sodann gibt er einen kurzen Rückblick auf die Vorbereitungen des Familienta-ges und erläutert die noch bevorstehenden Aufgaben.

Vor allem aber schreibt er der Familie Bernbeck ein besonderes Ver-dienst zu, das freilich auch eine Verpflichtung für die Zukunft bedeutet (aa0. 42): „Wir wissen aus Erfahrung, was wir dem Zusammenleben der Familie verdanken, daß in demselben nicht nur Stoff und Gelegenheit zur Un-terhaltung und zu freundschaftlichen Verkehre mit all seinen Reizen lag und liegt, sondern daß in unserem Zusammenleben eine s i t t l i c h e Macht (Hervorhebung durch C. L.) gelegen hat, unter deren heilsamen Einflusse bisher alle Glieder gestanden haben und bisher alle vor Aus-schreitungen und öffentlicher Schande und Untergang bewahrt geblie-ben sind. Das ist etwas Grosses, dessen wir uns – mit Zittern – freuen wollen.“ Carl Leimbach war sich nämlich darüber im Klaren, dass die Familie Bernbeck durch eine große Zahl von Pfarrern, Lehrern, Beam-ten und anderen angesehenen Bürgern ausgezeichnet war und stolz darauf sein konnte, sich dieser Erbschaft aber auch in der Zukunft wür-dig erweisen musste.

Folgen wir weiter dem Bericht von Wilhelm Wahl (aa0. 39): „Nach Vorstellung sämtlicher Gäste in der durch die Stämme gegebenen Rei-henfolge (…) wird zur Wahl des Familienrates geschritten, und nach einer kürzeren Debatte über die Frage, ob auch das weibliche Ge-schlecht darin vertreten sein dürfe, bzw. ob nicht die demselben schul-dige Rücksicht gebiete, Frauen mit den Pflichten eines Mitgliedes des Familienrates zu verschonen, wird der seitherig provisorische Familien-rat (…) in seiner damaligen Zusammensetzung bestätigt.“

Tatsächlich hatte dieser zunächst provisorische Familienrat zwei weibliche Mitglieder: Ottilie Becker, geb. Strack (B 42) für den Stamm Strack I und Meline Bichmann (F 5) für den Stamm Bichmann. Vielleicht waren die Bedenken gegen die weibliche Teilnahme nicht nur Ausdruck der Rücksicht gegenüber dem vermeintlich schwächeren Geschlecht, sondern auch Sorge um die männliche Vorherrschaft. Zweifellos aber war die Entscheidung des Familientages ein kühner Vorgriff auf die erst viel später schrittweise erkämpfte Gleichberechtigung der Frau und ein Segen für die spätere Arbeit des Familienrats – denn ohne die Mitwir-kung der Frauen stünde er heute auf verlorenem Posten.

Sodann wurde der von Franz Wahl (A 23) aufgestellte „Entwurf der Statuten der Familie Bernbeck“ der Hauptversammlung vorgelegt und mit geringfügigen Modifikationen fast einstimmig angenommen. Über den nächsten Familientag gab es eine kurze Debatte: schon im folgen-den oder erst nach zwei Jahren? In Salzhausen, Frankfurt oder Gie-ßen? Der Mehrheitsbeschluss ergab: 1877, und wieder in Gießen, und wieder am Mittwoch nach Pfingsten. Offenbar war der Familientag schon in der ersten Stunden so erfolgreich verlaufen, dass baldige Wiederholung unter den gleichen Bedingungen verlangt wurde. Erwar-tungsgemäß wurden auch der Redakteur des Familienblatts (Carl Leim-bach) und der Rendant der Familienkasse (Christian Scriba – G2) für das nächste Jahr in ihren Ämtern bestätigt. Es war also vorgesehen, die wichtigsten Funktionen vom Vertrauen des Familientages abhängig zu machen.

Den Abschluss des parlamentarischen bzw. offiziellen Teils des Fa-milientages schildert Wilhelm Wahl wie folgt (aa0. 40): „Da weitere An-träge nicht gestellt waren noch wurden, wird die Tagesordnung erledigt, und die Verhandlungen konnten geschlossen werden, ein Moment, der allseitig mit Freude begrüßt wurde. Mit Absingen des letzten Verses des ersten Festliedes (wie erwähnt, verfasst von Carl Leimbach) schloß der offizielle Teil des Festes. – Alles strömte ins Freie, um frische Luft und die schöne Aussicht zu genießen, und um dem Gastwirt Gelegenheit zu geben, den zweiten Teil des Festes vorzubereiten.“

Die Fortsetzung des Berichts vom Familientag war Carl Leimbach übertragen worden. (Sie erschien erst am 1. Aug. 1876 im zweiten Heft des Korrespondenzblattes nach dem Familientag.) Bei der Rückkehr in den Festsaal, wo inzwischen alle Tische gedeckt waren, bildeten sich Paare, indem jeder Vetter eine Verwandte wählte. So war es, wie im letzten Heft beschrieben, vorher angeordnet worden. Carl Leimbach schreibt (aa0. 55): „Die Plätze füllen sich. Der Saal wird abermals ge-drängt voll. Im Seitenzimmer muß den Kindern gedeckt werden. Die Musik gibt zunächst einen Ohrenschmaus zum Besten, dann wird die Suppe aufgetragen. Onkel Wahl (Wilhelm W.) spricht das Tischgebet. Nun setzt man sich zur heitern Tafel nieder, lauscht den Worten der Nachbarin oder des Nachbarn, dem Rappeln der Teller, dem Klappern der Löffel, dem Klingen der Gläser, dem Rauschen der Musik und labt Zunge, Gaumen und Magen. Das Menu habe ich vergessen, da ich lei-der das Essen vergessen mußte. Aber es war einfach, und, wie Sach-verständige behaupten, geschmackvoll.“

Nach dem ersten Gang begannen die Toaste, zunächst der auf den Landesvater, Ludwig III., Großherzog von Hessen und bei Rhein. Er wurde ausgebracht von Christian Scriba (G 2) und lautete wie folgt (aa0. 44): „Teure Festgenossen! Hessen-Darmstadt ist unser aller Vat-terland, denn ihm entsproßte und gehörte an der Vater unserer Familie, der Pfarrer Daniel Bernbeck zu Wirberg, der so glücklich war, in so gu-ten, fruchtbaren Boden verpflanzt zu werden, daß ein großer, vielver-zweigter Baum sich entwickeln konnte. Vergessen wir aber auch der Verdienste des Mannes nicht, welcher zur äußeren Entwicklung dieses Stammes das Seine beigetragen hat. Den Dank, welchen wir Ihm schul-den (gemeint ist Landgraf Ludwig IX., unter dessen Regierung Johann Daniel Bernbeck sein Amt antrat), tragen wir umso lieber seinem er-lauchten Nachfolger ab, da wir größtenteils unter Höchstdessen mildem Regimente leben und alle heute in Seinem Lande dieses fröhliche Fest feiern dürfen. Unserer dankbaren Gesinnung geben wir den besten Ausdruck, indem wir auf das Wohl des Landesherrn ein dreifach don-nerndes Hoch erschallen lassen. Seine Königliche Hoheit, der Groß-herzog von Hessen und bei Rhein, Ludwig der III., Er lebe hoch, hoch, hoch!“

Unmittelbar nach dem dreimaligen Hoch wurde nach der Melodie von „Gott erhalte Franz den Kaiser“ (es ist die Melodie des späteren Deutschlandliedes) ein dreistrophiges Lied gesungen, das Carl Leim-bach verfasst hatte. Es hat den Charakter einer „Hessischen National-hymne“ und beginnt (aa0. 44):

„Gott erhalte unsern Fürsten,
Großen Philipps edlen Sohn,
Vater seiner treuen Hessen
auf dem alten Herrscherthron.“
Und weiter:
„Unser Großherzog, er lebe,
Fürst von Hessen und bei Rhein,
lange noch im Kranz der Fürsten
leuchte seiner Krone Schein.“

Hierauf wurde ein Telegramm an den Landesherrn abgesandt: „Sei-ner Königlichen Hoheit, dem Großherzog von Hessen-Darmstadt. Der heute versammelte Familientag der Familie Bernbeck bringt auf das Wohl Ew. Königl. Hoheit ein dreifach donnerndes Hoch aus! Namens der Familie: Pfarrer Scriba aus Burkhards, Dr. Leimbach aus Bonn.“ Drei Tage später erhielt Pfarrer Scriba folgendes, mit dem Wap-pen des Großherzogs geziertes Antworttelegramm (aa0. 44): „Ew. Hochwürden beehre ich mich ergebenst zu benachrichtigen, daß seine Königliche Hoheit der Großherzog den von Ihnen und Herrn Dr. Leim-bach von Bonn im Namen der festlich versammelten Familie Bernbeck dargebrachten telegraphischen Glückwunsch vom 7. d. Mts. empfan-gen haben und Ihnen und der ganzen Familie für diese Aufmerksamkeit freundlichst danken lassen. – Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet Ew. Hochwürden ergebenster gez. Winter, Geheimerath. – Darmstadt, den 10. Juni 1876.“ (Diesen Vorgang hat auch Hajo Bernbeck (C 2513) in seinem Aufsatz zum 100. Jubiläum des Familientages 1976 (aa0. 40f.) besonderer Beachtung würdig befunden.)

Es folgte ein Trinkspruch auf die Familie Bernbeck, zu dessen Stei-gerung das Festlied gesungen wurde, das Friedrich Hunsinger (HA 44) verfasst hatte (Text aa0. 10). Der nächste Toast, wie alle umrahmt von einem Tusch der Musik, huldigte den Senioren, d.h. dem Paten und den Stammesältesten. Das war für Carl Leimbach das Stichwort, ein um-fangreiches Gedicht (aa0. 36ff.) zu Ehren von Christian Bernbeck vor-zutragen. Er hatte es in Terzinen verfasst, 122 Zeilen mit dreifach ver-schränkten Reimen – das für die deutsche Sprache schwierigste und auch von Goethe nur ein einziges Mal angewandte Versmaß. Es war eine respekt- und humorvolle Huldigung des Paten, dessen Schicksal ja die Sorge für viele verwaiste Neffen und Nichten war, worüber er die Gelegenheit zur eigenen Heirat versäumte. Bei Carl Leimbach klingt das so:

„Das Haus war voll, indes die Jahre schwanden,
der Unbeweibte ward an Kindern reich,
und groß im Lieben und Entsagen fanden
die Schwestern ihren Bruder allzugleich.
So lebt‘ der Pate, lebte nur im Lieben,
Hart gegen sich, doch gegen andre weich.“

Weitere Toaste galten den „Frauen und Jungfrauen“ (auch hier wie-der gemeinsam gesungene Strophen), dem Gießener Lokalkomité, das den Familientag vorbereitet hatte, dem „dermaligen Redakteur und Vor-sitzenden“, nämlich Carl Leimbach, den Dichtern der Familie und den Gästen, zu denen auch der Kreisbürgermeister von Krofdorf gehörte, der mit einem „durch Beifall reich gelohnten, von Herzen kommenden und herzenbewegenden Trinkspruch“ (aa0. 56) antwortete, und zum Schluß dem „Familienausschuß“, d.h. dem Familienrat. All diese Trink-sprüche, großenteils geradezu kleine Reden, wurden anschließend im Familienblatt (aa0. 56ff) veröffentlicht.

Nur e i n e n, ausgebracht von Hermann Bernbeck (C 3), Pfarrer in Altenschlirf, möchte ich, leicht verkürzt, hier wiedergeben (aa0. 58f.): „Unsere heutige Familienvereinigung, von welcher wir alle so freundli-che Erinnerungen mit hinwegnehmen werden, daß wir noch lange von dem herzlichen Wiedersehen, den angenehmen Eindrücken unterei-nander und auch zu denen reden werden, welche so etwas nicht ken-nen, verdanken wir unserem lieben Vetter Carl Leimbach aus Bonn. Es mag sein, es wäre ihm nicht gelungen, was erreicht worden ist, wenn nicht der Zug nach einem engeren Anschluß durch die Gesamtfamilie ginge und aller Bedürfnis nach einer allgemeinen Vereinigung wie heute zur Belebung der verwandtschaftlichen Beziehung und zur Stär-kung des Familiengeistes bei allen Gliedern unserer weitverzweigten Familie sich geltend gemacht hätte. – Unserem lieben Vetter gebührt aber das Verdienst, diesem Bedürfnis mit seinem Aufruf zur Gründung eines Familientages entgegengekommen zu sein und für den in allen lebenden Gedanken das glückliche Wort gefunden zu haben. Große Opfer an Zeit und Geduld hat er sich nicht gescheut zu bringen durch bereitwillig Übernahme des Familien-Correspondenzblattes; einem po-etischen Aderlaß hat er sich freiwillig unterworfen und unsere Feier durch zwei treffliche Lieder erhöht, unseren vielgeliebten allgemeinen und speziellen Paten in so liebenswürdiger Weise besungen. Ihm kön-nen wir unsere Anerkennung heute nicht versagen. Stoßt darum mit mir an auf das Wohl unseres lieben Vetters Carl Leimbach nebst seiner lieben Frau, der es nicht vergönnt ist, heute hier zu sein (die Geburt ihres vierten Kindes stand bevor – EJB), sie leben hoch.“

Folgen wir weiter dem Bericht von Carl Leimbach (aa0. 56): „Dann erklärte der schweißgebadete Vorsitzende seine Aufgabe für erledigt und den offiziellen Teil des Festes für geschlossen; er hob die Tafel auf, legte seine Bürde und Würde nieder und wünschte sich – zumal die Tafeln leer waren – wohl gespeist zu haben und satt sich nennen zu können. – Zum zweiten Mal ging’s in den Garten – die Gruppen bildeten sich und fanden bald reichlichen Genuß im Plaudern und großes Beha-gen im Schlürfen schwarzen Mokkas, rötlichen Gerstensaftes, goldenen Rebenblutes, schäumender Sodaflut und perlenden Champag-ners. – Ankommende Telegramme erhöhten den Festjubel. – Die Ab-schiedsstunde schlug vielen zu früh. – Als der Sonne Strahlen nachlie-ßen und gar, als Helios sich verabschiedete, erwärmten viele junge und alte Glieder der Familie sich wiederum künstlich im Saale durch Sang und Reigen. Und so dauerte die Freude bis zur mitternächtigen Stunde; begann aufs neue, wie der Berichterstatter, welcher schon früh andern Tags abreisen mußte, später hörte, am kommenden Morgen im Lenz-schen Garten (Frühtrunk) und schloß für viele erst am Abend des Don-nerstages ab, nachdem noch eine Lustpartie nach dem Schiffenberge gemacht worden war.“ Zum Schluss wünscht der Berichterstatter „allen Verwandten ein frohes Wiedersehen übers Jahr.“

Der erste Familientag war also ein voller Erfolg. Die Veranstalter konnten zufrieden und – vor allem dank der Gründung des Familien-blattes – mit einer Festigung oder sogar Stärkung des Familienzusam-menhalts rechnen. Das Familienfest fand auch außerhalb der Familie Beachtung. Das zeigt eine Mitteilung von Friedrich Schultz (A 82 oo) vom 10. August 1876, also schon 2 Monate nach dem Familientag. Un-ter der Überschrift „Unser Correspondenzblatt im Auslande“ (aa0. 68) berichtet er von seiner Freundschaft mit dem Schulinspektor in Bergen (Norwegen), der zugleich Mitarbeiter an der dortigen Zeitung war: „Da er sich für das Leben und Treiben in Deutschland nach allen Richtun-gen hin lebhaft interessiert, so teilte ich ihm Nr. 5/6 (das Juli-Heft) un-seres Blattes zur An- und Durchsicht mit. Er gab es mir mit dem Aus-druck lebhafter Freude über das Unternehmen zurück. Wie erstaunte ich aber, als mir einige Tage nach seiner Abreise ein anderer Norweger und gemeinsamer Freund von uns die Nr. 178 des Blattes „Bergens-posten“ in die Hand drückte.“ Darin entdeckte Friedrich Schultz eine Nachricht, die er ins Deutsche übertrug: „Ein eigentümliches literari-sches Unternehmen habe ich hier kennengelernt, und da vielleicht Ei-ner oder der Andere in unserem Land sein könnte, der Vergnügen da-ran haben möchte, es bei uns einzuführen, will ich es erwähnen. Es ist die Herausgabe eines eigenen „Familienblattes“. Eine im Hessischen heimische Familie gibt eine Monatszeitung heraus, worin ausschließ-lich über diese Familie Nachrichten mitgeteilt werden, teils Biographien von verstorbenen oder lebenden Mitgliedern der Familie, teils sehr detaillierte Notizen über Begebenheiten, - z.B. Geburten, Heiraten, To-desfälle, Beförderungen, Reisen – innerhalb der Familie. Im Junimonat jeden Jahres hält die Familie eine Versammlung namens „Familien-tag“ ab, teils zur Beratung von Angelegenheiten, welche die Familie an-gehen, teils zur geselligen Zusammenkunft. Bei dem letzten Familien-tage versammelten sich ungefähr 80 Mitglieder. Das Blatt, welches nur für die Familie da ist, hat ungefähr 150 Abonnenten. Die Familie zählt sehr viele Pfarrer und Lehrer. Die Porträts von deren Mitgliedern wer-den natürlich einem dem Protokolle beigefügten Familienalbum einver-leibt.“ Soweit die norwegische Zeitungsnotiz. Zum Beweis der Authen-zität seiner Mitteilung fügte Friedrich Schultz, der auf dem Familientag selbst nicht anwesend war, eine Probe des Originals in norwegischer Sprache hinzu (aa0. 68).

Das Vorkommnis ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: erstens zeigt es an, ein Familienverband mit Familienfest und Familienblatt war damals in Norwegen noch völlig unbekannt. Zweitens fand das Unter-nehmen Anerkennung und Beifall. Drittens wurde es gewissermaßen zur Nachahmung empfohlen, das verraten die bei aller Kürze erstaun-lich treffenden Angaben über den Inhalt des Familienblattes und den Ablauf des Familientages.

Auch in Deutschland war das Unternehmen des Familie Bernbeck möglicherweise eine Erstgeburt. Noch 1926 konnte Prof. Dr. August Nies (D 44) aus Anlass des 50jährigen Jubiläums des Familienverban-des behaupten: „Unser Familienblatt, das das erste war, hat hunderte Nachahmungen und lebt noch, wenn auch nur in halben Bo-gen …“ (aa0. 1926, 30). Jedenfalls war ihm in den 5 Jahrzehnten kein Beispiel bekannt geworden, das dem Familienverband Bernbeck zuvor-gekommen wäre. Umgekehrt gibt es inzwischen viele andere Familien-verbände, weil das Gefühl der Zusammengehörigkeit das Leben vieler Menschen schöner, reicher und glücklicher macht. Noch vor wenigen Jahren hörte ich, dass eine fremde Familie Pläne für einen eigenen Fa-milienverband schmiedete und Rat bei Sachverständigen der Familie Bernbeck suchte. Es bleibt zu hoffen, dass auch dem Familienverband Bernbeck trotz aller Schwierigkeiten ein gesundes Fortleben beschieden ist.